Wir können von Pflanzen und Tieren etwas lernen, denn sie leben in einer selbstverständlichen und unangestrengten Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, wachsen, wenn sie können, und leiden, wenn sie müssen, hadern aber mit nichts und neiden nichts, sondern sind mit völligem Einverständnis das, wozu Gott sie gemacht hat. Menschen hingegen sind innerlich zerrissen und erlangen den Konsens mit Gott erst wieder durch den Glauben an die barmherzige Vorsehung und Führung des himmlischen Vaters, in die sich der Glaube ergibt.

Von mühe- und sorglosem Gehorsam

 

Wenn sich jemand vorstellt und etwas über sich erzählen soll, wird er manchmal nach seinen „Vorbildern“ gefragt. Denn die sich danach erkundigen, möchten auf diese Weise etwas über seine Persönlichkeit erfahren – über seine Ideale und Wunschträume und sein Selbstverständnis. Einem Vorbild nacheifern heißt ja, ihm entsprechen zu wollen, weil man gut findet, wofür dieses Vorbild steht. Haben sie also Vorbilder? Wären sie gern wie dieser oder jener? Ich habe mich das nicht nur gefragt, sondern auch eine etwas ungewöhnliche Antwort gefunden. Denn mein Vorbild ist eine Pflanze. Hmm, werden sie sagen – eine Pflanze? Im Ernst? Das soll ein Vorbild sein? Ich kann aber erklären, was ich an einer Pflanze bewundere. Denn sie ist in vollkommener Übereinstimmung mit dem Willen Gottes und weicht nirgendwo auch nur im Geringsten davon ab, sondern ist mit größter Selbstverständ-lichkeit das, wozu Gott sie gemacht hat. Und das hat die Pflanze ihnen und mir voraus! Denn sie hadert mit nichts und hat keinen Widerwillen gegen irgendetwas, das Gott ihr zumutet und schickt. Sie tut aber klaglos alles, was ihrem von Gott gegebenen Pflanzenwesen und ihrer Natur entspricht. Ein Unterschied zwischen dem, was die Pflanze tut und will, und dem Willen Gottes ist nicht einmal denkbar – und sie wird sich mit ihrem Schöpfer auch nie entzweien. Vielmehr: Wenn ihr Wasser gegeben ist, guter Boden und Sonnenlicht, dann wächst sie mit aller Kraft, und jede Zelle ist voller Leben. Wenn ihr aber kein Wasser gegeben ist, kümmert sie vor sich hin und wirft Blätter ab, beklagt sich aber nicht. Denn da ist keine Anspruchshaltung, wie sie für uns Menschen typisch ist, dass wir immer meinen, Gott würde uns dies oder das schulden. Da ist kein Groll gegen den Schöpfer, keine heimliche Kritik, kein Besserwissen und Jammern, sondern vollkommener Gehorsam. Und dieser Gehorsam Gott gegenüber ist für die Pflanze noch nicht einmal anstrengend, es ist nichts Erzwungenes darin oder Krampfiges, sondern größte Selbstverständlichkeit. Pflanzen wir so ein Gewächs in den Schatten, so wird es das Beste draus machen, die Blätter nach dem Licht strecken so gut es geht und klaglos klein bleiben. Pflanzen wir das Gewächs aber unter idealen Bedingungen in guten Boden, wird es sich nicht lumpen lassen, sondern draufloswachsen was das Zeug hält. Wenn es der Pflanze gut geht, wird sie deswegen nicht faul und bequem. Und wenn es ihr schlecht geht, wird sie nicht nörgelig und wehleidig. Sondern sie nimmt alles, wie es kommt, tut, was getan werden muss, und ist mit jeder lebendigen Zelle ihrer Aufgabe hingegeben. So eine Pflanze wird immer die beste Pflanze sein, die sie unter den gegebenen Umständen sein kann. Sie wird sich ihrer Bestimmung zum Pflanze-Sein nie verweigern. Sie träumt auch von nichts anderem! Und wenn neben ihr hundert tollere und schönere Pflanzen wachsen, wird sie trotzdem nie neidisch sein! Bei uns Menschen ist das ganz anders. Bei uns fangen schon die Kinder an, sich unablässig zu vergleichen, sich gegenseitig zu übertrumpfen und sich zu beschweren: „Der hat aber mehr bekommen, ich war eher dran, mach‘ Platz da, ich bin besser als du!“   

Die Pflanze aber lässt es sich gar nicht einfallen missgünstig zu sein oder zu konkurrieren, sondern hat völligen Frieden mit sich und ihrem Schöpfer. Sie pocht nicht auf Rechte und verlangt nicht nach Aufmerksamkeit, sie giert nicht nach Lob – und wenn sie keiner beachtet, wächst sie trotzdem so gut sie kann. Gleichzeitig verschmäht sie aber nichts, was ihr geboten wird, saugt jeden Wassertropfen auf, den sie kriegen kann, tut alles, was ihrer Natur gemäß ist, und tut nicht das Geringste, was dagegen verstieße. Sie ist, was sie ist, begehrt nichts Größeres zu sein und wenn sie einmal stirbt, tut sie sogar das in Stille und ohne sich darüber zu empören… 

Könnten wir das? Könnten wir auch nur einen Tag im Frieden sein mit den Gesetzen und den Grenzen, die uns auferlegt sind? Sind wir nicht allzeit rebellisch und innerlich zerrissen im ewigen Widerspruch unserer Wünsche und der Gegebenheiten? Entbehren wir nicht jenes stille Einvernehmen mit Gott, so dass wir ihm ständig mit Bitten und Klagen in den Ohren liegen? Haben wir den Konsens mit Gott nicht aufgekündigt, da doch die Dicken immer dünner sein wollen, die Kleinen größer, die Armen reicher, die Dummen klüger, die Jungen etwas älter, und die Alten wieder jünger? Kaum einer ist damit zufrieden den Platz auszufüllen, der ihm angewiesen wurde, sondern die Hohen wollen stets noch höher hinauf, die Mächtigen wollen stets noch mächtiger werden, und an allen nagt das Ungenügen, das schon die Schulkinder zeigen. Die mit den guten Noten beneiden die, die besser aussehen. Die Schönen beneiden die mit den reichen Eltern. Und die mit den reichen Eltern beneiden wieder die mit den guten Noten! Hat aber einer mal alles gleichzeitig, werden die anderen ihn genau dafür hassen, dass das Schicksal ihn so bevorzugt hat! Nicht mal Gott kann es allen Recht machen – und er vielleicht am wenigsten, weil man ihm seine Überlegenheit verübelt! So verrückt ist der Mensch, dass er meint, Gott sollte ihn besser mal um Rat fragen! Und die Pflanzen, die in Demut vor sich hin wachsen, sind uns darin weit voraus.   

Vielleicht sagen sie: Der ist ja verrückt! Sollen wir uns ernsthaft eine Pflanze zum Vorbild nehmen? Sollten Menschen wirklich von einer Pflanze lernen können? Nun gut – geschenkt! Ich bestehe nicht darauf. Wenn ihnen die Pflanze zu stumm und zu unbeweglich ist, können wir uns genauso gut den Spatzen zuwenden! Denn die finde ich ebenso vorbildlich. Spatzen sind klein und unscheinbar, und obwohl sie von der Hand in den Mund leben, sind sie doch augenscheinlich munter und ohne Sorge. Finden sie etwas zu fressen, zögern sie nicht lang, sondern stürzen sich drauf und genießen, was Gott ihnen beschert. Finden sie aber nichts, hört man sie nicht etwa klagen oder jammern, sondern sie setzen einfach auf den nächsten Tag. Spatzen horten keine Vorräte und haben keine Wertpapiere, sie haben keine Lebens-versicherung und keine Goldreserven, sie können weder Rechte einklagen noch Pensionsansprüche – und seltsam: Sie scheinen doch ganz ohne Sorgen zu sein! Sie können nicht wissen, ob sie morgen noch satt werden – und zeigen doch keine Angst! Ein Spatz ist für die Welt höchst entbehrlich, niemand nimmt ihn wichtig und niemand bewundert sein Federkleid. Aber meinen sie, er würde sich deshalb grämen? Adler fliegen bestimmt höher hinauf, aber meinen sie, der Spatz würde es ihnen neiden? Die Nachtigall singt schöner, aber meinen sie, dass der Spatz deswegen schweigen und sich seiner Stimme schämen würde? Kein Spatz vergleicht sich mit anderen, um hinterher mit dem zu hadern, was er ist, sondern er ist, wozu ihn Gott gemacht hat, er entspricht genau dem Wesen, das Gott ihm verlieh, er hat keine Hemmung zu 100% Spatz zu sein, und wenn er tut, was ein Spatz tun muss, ist er darin mit seinem Schöpfer völlig einig und mit sich selbst völlig im Reinen. Doch wer von uns könnte das von sich sagen? Wir Menschen nehmen uns wichtig und machen uns wichtig und verübeln‘s der Welt, wenn sie sich trotzdem nicht für uns interessiert. Wir horten Sparbücher und Aktien und machen uns trotzdem Sorgen. Wir haben Häuser mit festen Türen und fühlen uns trotzdem nicht sicher. Wir wissen, dass wir morgen sattwerden und übermorgen auch – und sind doch nicht halb so fröhlich wie die Spatzen. Statt willig zu sein, was wir sind, und wozu uns Gott gemacht hat, grübeln wir über das, was wir lieber wären, oder hätten sein können, wenn doch nur…   

Und da sollten wir nicht von den Spatzen lernen können und uns ihre Leichtigkeit zum Vorbild nehmen? Kein Spatz macht sich Sorgen um den nächsten Winter und keiner grämt sich, weil er lieber ein Rabe wäre. Fliegt er aber unruhig hin und her nach Spatzenart – ist er nicht immer genau dort, wo Gott ihn gerade haben will? Der Spatz folgt mit jeder Faser seines Körpers seiner Spatzennatur und es fällt ihm nicht ein, davon im Geringsten abzuweichen. Er ist völlig einverstanden mit dem Wesen, das Gott ihm gab, lebt, solang er soll, und stirbt, wenn Gott es so fügt. Einen inneren Zwiespalt aber, oder ein unwilliges Aufbegehren gegen Gottes Fügung, hat der Vogel nie gekannt….   

Nun werden sie sagen: Jaja – für so einen Vogel ist es ja auch leicht. Der Spatz ist nicht viel klüger als jene Pflanze. Er ist sich seiner selbst nicht bewusst. Sein kleines Hirn kennt keine Freiheiten und keine Konflikte, sondern bloß Instinkte. Der Spatz folgt Gottes Ordnung nur so, wie auch ein Stein den Naturgesetzen folgt und zu Boden fällt, wenn man ihn loslässt. Mit so wenig Verstand mag das Gehorchen leicht sein! Und ich gebe das zu. Tatsächlich steht uns Menschen nicht der Weg offen, in den naiv-unschuldigen Zustand der Pflanzen und Tiere zurückkehren, nachdem wir geistig über sie hinausgewachsen sind. Aber ich meine, dass jenes große und beneidenswerte Einverständnis mit Gottes Ordnung und Fügung deswegen für uns nicht unerreichbar ist, sondern dass es auf anderem Wege wieder erlangt werden kann. Nämlich in der Tat nicht durch einen Rückschritt auf die Stufe der Pflanzen und Tiere, sondern durch einen Fortschritt über unseren innerlich zerrissenen Zustand hinaus – hin zum wahren Christentum. Der verlorene Konsens mit Gott kann wiedergewonnen werden, und der innere Frieden ist greifbar nahe, wenn wir nur mit dem Evangelium ernst machen, Jesus den Gott glauben, den er uns bezeugt hat, und daraus dann die logischen Folgerungen ziehen. Glaube ich Jesus nämlich den Gott, den er mir bezeugt, dann habe ich einen barmherzigen Vater im Himmel, dem nicht das Geringste entgeht, ohne dessen Willen nichts geschehen kann, und der es gut mit mir meint. Darum, wenn mich etwas stört, mich ängstigt oder quält, wird Gott mir entweder die Kraft geben, es zu ändern – oder die Kraft, es auszuhalten. Und wenn Gott, der es es doch sieht und ändern kann, es nicht ändern will, dann bestimmt nur, weil es für mich besser ist. Ist es aber nach Gottes Urteil besser – sollte ich dann seiner höheren Weisheit nicht trauen und die Gegebenheiten annehmen, weil sie von ihm gegeben sind? Glaube ich Jesus den Gott, den er mir bezeugt, dann gibt es keinen Zufall, sondern alles, was mir „zufällt“, lässt Gottes Hand mir „zu-fallen“! Von ihm kommt dann auch das scheinbar so Ärgerliche, dass ich kleiner bin, als ich es mir erträume, gefährdeter oder weniger beliebt, kränker, ärmer oder hässlicher! Ist mir dies aber von Gottes Weisheit zugemutet, was hätte ich dann gewonnen, wenn ich mich wegen irdischer Güter mit Gott entzweien wollte und dadurch den inneren Frieden ganz verlöre? Soll ich mich an Grenzen wundreiben, die ein barmherziger Vater mir setzt? Sollte ich nicht eher annehmen, dass er es auch in diesen Grenzsetzungen gut mit mir meint? Das ist keine Frage des frommen Gefühls, sondern der nüchternen Logik! Wäre es wichtig, dass ich meinen Willen bekäme, würde Gott mir dazu verhelfen. Tut er’s aber nicht, obwohl er die Mittel hätte, dann soll es offenbar nicht sein, und ich werde mit Gott nur so einig bleiben, dass ich mir an seiner Gnade genügen lasse. Will Gott mich groß haben, nun denn, so will ich groß sein und weder Glanz noch Freude verschmähen! Soll ich ein Baum sein, der in den Himmel wächst, so möge Gottes Willen geschehen! Bin ich aber bloß ein Busch am Wegesrand – dann auch! Hebt Gott mich hoch hinauf, so weiß er warum und hat alles Recht dazu! Stößt er mich aber tief hinunter – dann auch! Und seiner Weisheit widerstehen zu wollen, würde mir sehr schaden. Denn den Konsens mit Gott zu wahren ist ungleich wichtiger, als irdische Eitelkeit und Wohlergehen! Nichts kann mir begegnen, das Gott nicht vorgesehen hat, und wenn er mir nicht die Kraft gibt, das Missliche zu ändern, wird er mir die Kraft geben, es zu ertragen. Glaube ich aber Jesus den Gott, den er mir bezeugt, so darf ich sicher sein, dass er auch dort, wo ich ihn nicht verstehe, zu meinem Besten entscheidet. Ja, wenn nicht geschieht, was ich will, dann wird geschehen, was Gott für besser erachtet! Ihm aber schon im Voraus mein Einverständnis zu geben – das enthebt mich der Zerrissenheit und der Sorge. Denn dann kann sich in meinem Leben noch mancherlei ändern. Aber mein Verhältnis zum Vater wird unverändert bleiben, das wichtiger ist als der Rest! Und das gibt mir die Freiheit, so vertrauensvoll zu leben, wie der Spatz: Gibt Gott viel Futter, lasse ich’s mir schmecken, und gibt er wenig, so leide ich Hunger. Will Gott mich reich und fröhlich machen, erheb‘ ich keine Einwände! Will er mich aber arm und traurig sehen, so wird er dafür gute Gründe haben. Denn das ist ja das ganze Geheimnis dieser Sache, dass der Glaube unsere Aufmerksamkeit von dem Schwankenden und Unzuverlässigen weg, auf das Verlässliche und Ewige verschiebt. Da zählt dann nicht mehr, was ich auf Erden Hohes oder Niedriges bin, sondern dass ich eben dies ganz willig bin – und damit mein Einverständnis mit dem bekunde, der mich genau dazu gemacht hat. Denn auf diese Weise ist uns die Sorglosigkeit der Pflanzen und Tiere dann tatsächlich erreichbar. Und zwar nicht durch eine Rückkehr in die Blindheit und Naivität des Tieres. Sondern durch einen Fortschritt aus Eigensinn, Neid und Sorge heraus in den Glauben hinein. Wer Jesus seinen Gott nicht glaubt, wird dazu natürlich keinen Zugang finden! Wir aber können das und sollen es auch, weil es uns von höchster Stelle nahegelegt und empfohlen wird. Jesus sagt:   

„Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen… (Mt 6,25-33)