Die verbreitete Ansicht, der Gott des Alten Testaments sei ganz „anders“ als der des Neuen, ist falsch. Denn hier wie dort erwählt Gott Menschen zu seinem Volk und schließt voller Gnade einen Bund mit ihnen. Und hier wie dort gilt, dass jene, die außerhalb des Bundes stehen, unter dem Fluch bleiben, der mit Adams Sünde begann. Der Unterschied der Testamente liegt darin, dass Jesu die Zugangsbedingungen ermäßigt: Der neue Bund steht auch Heiden und Gescheiterten offen. Aber wie Gottes Gnade dabei ungeahnte Formen annimmt, so auch sein Gericht (Offb. des Joh.!). Beide Züge treten im NT stärker hervor. Gott aber bleibt ganz derselbe.

Altes und Neues Testament

 

Es ist bekannt, dass unsere Bibel aus zwei Teilen besteht, die wir das „Alte“ und das „Neue Testament“ nennen. Und wer sich damit beschäftigt, stellt bald fest, dass die beiden Teile notwendig zusammengehören. Denn das Alte Testament mit all seinen Verheißungen fände kein schlüssiges und plausibles Ende, wenn nicht im Neuen Testament die Erfüllung folgte. Und das Neue Testament könnten wir nicht mal richtig verstehen, wenn wir es von seiner Vorgeschichte im Alten Testament lösten. Beide Teile brauchen einander und bilden nur zusammen ein Ganzes. Beide Teile der Bibel sind Wort Gottes – und ich will betonen: desselben Gottes. Denn immer wieder begegnet man der Ansicht, der Gott des Alten Testamentes sei ganz „anders“ als der des Neuen Testamentes, und das Alte ginge uns „zum Glück“ nichts mehr an. Man tut so, als sei das Alte Testament ein Missverständnis, und das Neue seine Korrektur. Aber kann das stimmen? Diese Leute sagen, der Schöpfergott des Alten Testaments sei streng und gewalttätig, rachsüchtig, parteiisch und grausam, der Gott Jesu Christi hingegen sei liebevoll, barmherzig, gnädig und geduldig mit allen! Das Alte Testament, sagen sie, sei gesetzlich, engherzig und zum Fürchten, das Neue dagegen enthalte die gute Nachricht, dass Gott tolerant sei, alle Menschen gleichermaßen liebe und allen alles vergebe. Angeblich ist da ein Unterschied wie Tag und Nacht! Doch wenn das so stimmte – wie könnte die Christenheit dann an beiden Teilen der Bibel festhalten, und wie sollte sie den Widerspruch zwischen ihnen auflösen? Wollen wir etwa annehmen, Gott sei im Alten Testament missverstanden worden und zeige erst im Neuen Testament sein wahres Gesicht? Sollte der zornige Gott des Alten Testaments eine Wandlung durchgemacht haben, so dass er mit zunehmendem Alter sanfter, toleranter und milder wurde? Oder, wenn da wirklich Gegensätzliches von Gott gesagt würde, müsste dann nicht das eine wahr, und das andere gelogen sein? Als Bibelleser käme man da in große Schwierigkeiten! Und man müsste sich sehr wundern, dass das Neue Testament am Alten so gar keine Kritik übt, sondern das Alte Testament im Neuen immer wieder zustimmend zitiert wird. Auch für Jesus selbst sind die Schriften des Alten Testamentes die maßgebliche Autorität, auf die er sich immer wieder beruft. Wenn er das aber tut – ist es dann wahrscheinlich, dass er einen „anderen“ Gott verkünden wollte, als den des Alten Testaments? Das wollte er ganz und gar nicht! Und um diesem Irrtum vorzubeugen sagt er ausdrücklich: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“ (Mt 5,17-18) Jesus selbst bekennt sich damit zum Alten Testament! Und trotzdem trifft man immer wieder Menschen, die eine alttestamentliche „Gesetzesreligion“ der „Gnadenreligion“ Jesu gegenüberstellen wollen und sich unter Berufung auf das Neue Testament vom Alten distanzieren. Man kann dem nicht anders begegnen, als dass man in die Bibel selbst hineinschaut und prüft, ob es die großen Unterschiede gibt, von denen da immer die Rede ist. Und ich bin sicher, dass man dabei erst einmal ganz viele Übereinstimmungen findet, und durchaus denselben Gott mit denselben Eigenheiten in seinem Wesens und Tun: Beide Testamente sehen die Welt als Gottes Schöpfung, und beide setzen voraus, dass der Mensch in dieser Schöpfung eine hervorgehobene Rolle hat, weil allein er dazu berufen ist, Gottes Ebenbild zu sein. Beide Testamente wissen, dass der Mensch im Sündenfall seine Aufgabe und seine Bestimmung zum Guten verfehlt hat. Und beide Testamente bezeugen, dass dem Menschen als Sünder Gericht und Verwerfung drohen. Denn wer sich von Gott als der Quelle des Lebens abwendet, zieht sich damit den Tod zu. Und wer sich von Gott als dem Inbegriff des Guten entfernt, der verdient ein böses Ende. Beide Testamente wissen das, bezeugen aber zugleich, dass Gott am Richten keine Freude hat, sondern seinen missratenen Kindern viel lieber nachgeht, um sie zur Umkehr zu bewegen. So wie Gott im Alten Testament bei Abraham ansetzt, bei Isaak und Jakob, aus deren Nachfahren das Volk Israel erwächst, so setzt er im Neue Testament bei Jesus Christus an, aus dessen Jüngern und Nachfolgern das neue Gottesvolk der Kirche entsteht. Hier wie dort erwählt Gott Menschen zur Gemeinschaft mit ihm und überführt sie aus einer unstimmigen und verhängnisvollen Gottesbeziehung in eine stimmige und heilvolle. Doch weder im Alten noch im Neuen Testament umfasst diese Heilsgemeinde die gesamte Menschheit. Hier wie dort gibt es Spötter, Ungläubige und Heiden, die draußen bleiben, die nicht erreicht werden und im Widerspruch gegen Gott verharren. Die Heilsgüter aber (Land und Leben, Schutz und Führung, Segen, Vergebung, ewiges Leben und Seligkeit) verheißt Gott nicht denen, die draußen bleiben, sondern natürlich nur den Seinen, die mit ihm im Bunde stehen. In beiden Testamenten beruht die heilvolle Gemeinschaft mit Gott auf Gottes freier Gnade – nicht etwa auf irgendwelchen Vorzügen der dazu erwählten Menschen! Und das muss im Blick auf das Alte Testament dick unterstrichen und betont werden. Denn auch Israel hat seine Erwählung nicht durch irgendetwas „verdient“, sondern hat sie ganz „unverdient“ als gnädiges Geschenk empfangen. Grundlegend war dafür Gottes Verheißung an Abraham, bei der vom Gesetz noch gar keine Rede war. Und grundlegend war die Herausführung aus Ägypten, bei der das Gesetz ebenfalls keine Rolle spielte. Lange bevor am Sinai die Gebote verkündet wurden, ließ Gott schon über den Seinen Gnade walten, und diese Gnade wurde nie anders empfangen als allein durch den Glauben. Dass Gott mit Israel einen Bund schloss, war also ein reines Gnadengeschenk, wie auch der neue Bund in Christus reine Gnade ist! Und erst im zweiten Schritt spielt menschliches Tun eine Rolle, weil die Gemeinschaft mit Gott nicht durch falsche Lebensführung gestört und gefährdet werden soll. Die Gebote vom Sinai verdeutlichen das nicht anders als Jesu Weisungen in der Bergpredigt: Wer es geschenkt bekommt, dass er Gott nahe sein darf, der kann Gottes gutem Willen nicht länger fern sein oder ihm widerstreben! Wer unter Gottes Schutz steht, wird schon aus Dankbarkeit Gottes Gebot achten! Aber dieser Gehorsam ist weder im Alten noch im Neuen Testament eine Voraussetzung des Bundes, sondern ist in beiden Testamenten eine Folge des Bundes. So drängen zwar beide Testamente auf die Heiligung des Gottesvolkes durch gottgefälliges Leben. Aber beide Testamente drängen noch viel mehr auf den Glauben, nämlich auf die vertrauensvolle Hingabe des Herzens, durch die wir im Denken und Fühlen dem Gott entsprechen, der sich an uns als so vertrauenswürdig, mächtig und gütig erweist. Beide Testamente kennen Sakramente, die dem Einzelnen die Zugehörigkeit zum Gottesvolk verbürgen. Im Alten Testament sind das die Beschneidung und das Passahmahl. Und im Neuen Testament sind es die Taufe und das Abendmahl. Und beide Testamente wissen, dass die Gläubigen, wenn sie immer wieder der Macht der Sünde erliegen, nur durch Opfer wieder mit Gott versöhnt und von ihrer Schuld gereinigt werden können. Im Alten Testament sind das die regelmäßigen Sühnopfer, die im Tempel dargebracht werden, und im Neuen Testament ist es das einmalige Selbstopfer Jesu Christi auf Golgatha. In beiden Testamenten ist völlig klar, dass die Zugehörigkeit zum Gottesvolk über Heil und Unheil des Einzelnen entscheidet, und dass es jenseits des von Gott gewiesenen Weges keine Rettung gibt. Wer nicht mit Gott seinen Frieden macht, bleibt unter dem Fluch, der mit Adams Sünde begann, und wird über kurz oder lang untergehen. Das gilt für beide Testamente – nicht etwa nur für das Alte! Wer in Gottes Bund hineingerettet wird, findet Erlösung. Wer ihm aber dauerhaft widerstehen will, wird keine Zukunft haben. Wer Gottes Gnade annimmt, wird seines Segens teilhaftig. Und wer sie ablehnt, spricht sich selbst das Urteil. Derselbe Gott, der den Seinen so überaus gnädig ist, bleibt für die Anderen ein verzehrendes Feuer. Und ich betone, dass hier zwischen Altem und Neuem Testament gar kein Unterschied besteht – und dass kein Teil der Bibel darin auch nur von Ferne einen Widerspruch sieht! Denn auch im Neuen Testament gilt, dass Gott seinen Feinden zwar weit entgegenkommt und freundlich auf sie zugeht, um ihnen die Umkehr zu ermöglichen, dass er aber jene, die das Angebot der Versöhnung ausschlagen, weil sie Feinde bleiben wollen, anschließend auch wie Feinde behandelt. Das ist in beiden Testamenten so! Die Bibel hat kein Problem damit! Und ich kann darum nicht finden, dass der Gott des Alten Testaments anders wäre als der des Neuen. Gott war schon im Alten Testament barmherzig und zur Vergebung bereit – und zugleich hat er im Neuen Testament nicht aufgehört, den Bösen Böses anzudrohen. Wie im Alten Testament, so gibt es auch im Neuen einen von Gott gewährten Bund und ein Volk, das auf der Grundlage dieses Bundes lebt. Und genau wie im Alten Testament gilt, dass wer dazugehört, gerettet wird, und wer nicht dazu gehört, verloren geht. Dass ein Bund zustande kommt, ist im Alten Testament wie im Neuen eine Gnade Gottes. Die Treue zum Bund schließt in beiden Testamenten den Glauben und das Bekennen ein, den Gottesdienst und das Gebet. In beiden Testamenten gibt es Sakramente, die die Zugehörigkeit zum Gottesvolk verbürgen. Und in beiden das Streben nach gottgefälligen Werken. Wo aber liegen dann echte Differenzen? Nach so vielen Übereinstimmungen müssen wir natürlich auch nach den Unterschieden fragen. Denn es hätte keines Neuen Testamentes bedurft, wenn es dem Alten gegenüber gar nichts „Neues“ brächte. Das Kommen Jesu Christi wäre überflüssig, wenn sich durch ihn nichts änderte. Und darum müssen wir nun auch den Unterschied der Testamente benennen, der darin liegt, dass das Kommen Jesu die Zugangsbedingungen zur Gemeinschaft mit Gott radikal verändert, und diese Gemeinschaft auch für jene öffnet, die bis dahin ausgeschlossen blieben. Im Alten Testament ist das Volk Gottes ja zunächst eine ethnische Größe, und die Erwählung beschränkt sich auf die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs, so dass das Gottesvolk mit dem jüdischen Volk praktisch identisch ist. Der Neue Bund hingegen, der in Christus geschlossen wird, greift über alle Völker und Nationen hinaus, so dass die Herkunft des Menschen keine Rolle mehr spielt, und auch Griechen, Römer, Asiaten, Germanen, Slawen und Afrikaner Zugang haben. Was bei Abraham mit einer einzigen Familie begann, erreicht in Christus universale Bedeutung! Was aber noch wichtiger ist: Jesus Christus ändert die Zugangsbedingungen zur Gemeinschaft mit Gott auch insofern, als er sie für alle öffnet, die wegen ihres moralischen und religiösen Versagens nicht vor Gott bestehen können. Christus holt auch die ins Boot, die schuldig und gescheitert sind. Die keine Gerechtigkeit haben, lässt er teilhaben an seiner eigenen Gerechtigkeit. Und für die, die Strafe verdienen, hält er seinen Kopf hin. Zöllner, Prostituierte und Schwerverbrecher, die Gott gegenüber alles Recht verwirkt haben, lässt Christus auf seinen Fahrschein ins Reich Gottes reisen. Er bezahlt am Kreuz den Preis ihrer Rettung. Und das ist insofern wirklich neu, als Gottes Barmherzigkeit im Alten Testament jedenfalls solche Formen noch nicht angenommen hatte. So wie das Judentum das Alte Testament las, konnte man meinen, der Zugang zum Bund und zur Gemeinschaft mit Gott sei nur über das Gesetz und einen entsprechenden Gehorsam möglich. Manch ein Stolzer dachte, seine Abstammung und die Einhaltung der vielen Gebote garantiere ihm den Bund mit Gott. Mancher meinte, es käme allein auf die Beschneidung an, auf die Beachtung der Speisegebote und der Sabbatruhe. Und demgegenüber bedeutet das Neue Testament wirklich einen radikalen Schnitt, weil der neue Bund sich in gar keiner Weise auf menschliches Tun gründet, sondern ausschließlich auf Gottes Tun in Christus. Als Christus starb und auferstand durchkreuzte Gott damit alles, was Menschen an eigener Gerechtigkeit aufzubringen versuchen. Und er ließ wissen, dass ihm künftig nur noch „recht“ ist, wer sich seine Gerechtigkeit von Christus leiht und statt auf eigene, auf Christi Verdienste setzt. Der Neue Bund in Christus ist damit weit, weit geöffnet für jeden noch so krummen Hund. Er ist für jene gemacht, die Gott nichts zu bieten haben und mit leeren Händen vor ihm stehen. Denn im Neuen Bund zählt keine Abstammung mehr, und keine Beschneidung, es kommt nicht auf Speisegebote an, nicht auf verdienstvolle Werke oder fromme Übungen, sondern nur noch auf den Glauben, der sich entschlossen an Christus hängt, sich bei ihm birgt, hinter ihm in Deckung geht, alles eigene Rühmen preisgibt und sich allein auf Christus verlässt, weil der ihn verteidigen und für ihn geradestehen will. Eine andere Zugangsbedingung, als diese Hingabe an Christus, gibt es im Neuen Bund nicht. Entscheidend ist darum nicht mehr die Zugehörigkeit zu Israel, sondern die Zugehörigkeit zu Christus. Und diese Zugehörigkeit manifestiert sich nicht in Beschneidung und Passahmahl, sondern in Taufe und Abendmahl. Das sühnende Opfer des Neuen Bundes ist nicht das endlos wiederholte Tieropfer im Tempel, sondern das einmalige Opfer Christi auf Golgatha. Zugang zum Heil haben nicht die Heiligen, sondern gerade die Unheiligen, die Liebe nicht verdienen, sondern sie nur schrecklich nötig haben. Und Zugang hat nicht nur das alte Gottesvolk, sondern die gesamte Welt der Heidenvölker. Der Segen Abrahams erreicht damit alle Geschlechter auf Erden. Und gerettet wird der Einzelne nicht, weil er selbst gerecht und treu wäre, sondern allein aufgrund der Gerechtigkeit und Treue, die Christus stellvertretend für ihn bewiesen hat. Das ist in dieser Radikalität neu! Das Neue Testament rechnet nicht damit, dass irgendein Mensch vor Gott bestehen könnte. Und Erlösung findet einer darum nicht, weil er sich am Gesetz bewährte, sondern weil er sich schuldig bekennt, zu Christus flieht und Gott bittet, statt auf sein menschliches Versagen nur noch auf Christi Gehorsam zu schauen. Dem Menschen des Neuen Testamentes ist Gottes Gesetz zum Verhängnis geworden, weil es zwar an sich richtig und gut ist, weil der Sünder es aber nicht erfüllen kann. Und der Mensch des Neuen Testamentes wirft sich darum um so entschlossener auf die Gnade Gottes, damit sie allein ihn trage. Das aber ist kein Gegensatz zum Alten Testament, sondern im Grunde eine Schlussfolgerung und eine logische Konsequenz der dort erzählten Geschichte. Denn was berichtet uns das Alte Testament denn anderes, als dass Gottes Volk, obwohl es erwählt, geführt und beschenkt wurde, die Gabe des gelobten Landes nicht bewahren konnte? Das Alte Testament bezeugt selbst, dass der Verlust des Landes durch das babylonische Exil nicht etwa auf eine Schwäche oder Untreue Gottes zurückzuführen ist, sondern auf den Abfall des Gottesvolkes vom Glauben. Israel klagt sich selbst an, das kostbare Gut verspielt zu haben, und hofft in den späten Schriften des Alten Testamentes um so entschlossener auf Gottes Tun in seinem Messias und auf den damit verbundenen Neubeginn. Als Kinder Adams und Evas versagen wir Menschen so vollständig, dass Gott nicht nur das Meiste tun muss, sondern alles. Und der neue Bund in Christus ist die Konsequenz, die Gott daraus zieht, indem er für seine Geschöpfe einspringt, selbst Mensch wird und in Christus für uns leistet, was wir nicht schaffen. Der Allmächtige stellt damit das Verhältnis von Gott und Mensch auf eine neue Grundlage. Aber ist er deswegen ein „anderer“ Gott? Nein! Im Übergang vom Alten zum Neuen Bund ändert sich viel für uns Menschen, aber es ändert sich nichts an Gott – außer vielleicht, dass die Wesensmerkmale Gottes, die wir aus dem Alten Testament kennen, im Neuen noch stärker hervortreten und noch deutlicher zu erkennen sind. Gottes Barmherzigkeit, die man aus dem Alten Testament kennt, nimmt im Neuen ungeahnte Formen an – das gebe ich gerne zu! Aber dasselbe gilt auch von Gottes strengem Zorn, denn wer im Neuen Testament die Offenbarung des Johannes liest, findet dort ein Gericht beschrieben, das jedes alttestamentliche Blutvergießen in den Schatten stellt. Wenn sich das aber für alle Wesenszüge Gottes so zeigen ließe, dass sie sich im Neuen Testament gar nicht wandeln, sondern nur noch stärker hervortreten – wer dürfte dann das eine Testament gegen das andere ausspielen, so als würde im Neuen irgendetwas wiederrufen, was im Alten stand? Nichts davon ist zu finden! Denn der Vater Jesu Christi ist immernoch der Gott Abrahams. Er hat immernoch ein auserwähltes Volk, dem seine Verheißungen gelten. Und er hat immernoch Feinde, denen seine Drohungen gelten. Nur das ist nun anders: Dass niemand deswegen verzweifeln muss. Denn unabhängig von unserer Herkunft und unserer vielleicht peinlichen Vergangenheit, ungeachtet aller Schwäche und Verkehrtheit sind wir eingeladen, unser Leben, unseren Stolz und unsere Schuld Christus vor die Füße zu legen und glaubend in den neuen Bund einzutreten. Die Güte Gottes, die wir schon aus dem Alten Testament kannten, nimmt damit wirklich ungeahnte Formen an. Aber das heißt nicht, dass Gott seine Strenge abgelegt hätte sondern – umgekehrt! – lässt es erwarten, dass von seiner Strenge dasselbe gilt. Denn Gott bleibt sich in jeder Hinsicht treu. Gott wäre nicht Gott, wenn er nicht unwandelbar und ewig immer derselbe bliebe! Und die Vorstellung, er habe irgendwo zwischen Altem und Neuem Testament seine Ansichten geändert, ist schon deshalb ein Ungedanke, weil alles was reift und fortschreitet, vorher unreif und defizitär gewesen sein muss – der ewige Gott aber in seiner Vollkommenheit keine Defizite kennt. Er ist allezeit derselbe dreieinige Gott gewesen! Und was sich zwischen Altem und Neuem Testament verändert, ist darum nicht Gott, sondern allein das Maß unserer menschlichen Kenntnis von Gott. Durch seine Offenbarung in Jesus Christus ist Gott kein anderer geworden, aber wir sind ihm sehr viel näher gekommen und dürfen seither viel mehr und noch Größeres sagen, als es den Gläubigen im Alten Bund möglich war. So hat uns der Neue Bund tiefere Einblicke gewährt, und der Zugang zur Gemeinschaft mit Gott wurde ungemein erleichtert. Aber die verbreitete These, der Gott des Neuen Testamentes sei ganz „anders“ als der des Alten, wird davon nicht richtiger. Und wenn Ihnen das mal wieder jemand erzählt, dann gehen sie getrost davon aus, dass er weder das Alte noch das Neue Testament richtig kennt…