Segen und Fluch

 

MEHR ALS GRUSS UND WUNSCH? 

 

Es gibt viele biblische Begriffe, die in unserer Alltagssprache nicht gebräuchlich sind. Es gibt daneben aber auch solche, die sehr wohl vorkommen, deren Inhalt aber verblasst ist. Und zu denen gehört sicherlich der Begriff des „Segens“. Denn wir reden zwar noch vom „Kindersegen“ und vom „gesegneten Appetit“, von Menschen, die „ein wahrer Segen“ sind, und davon, dass der Firmenchef etwas „absegnet“. Aber wer denkt dabei schon an die ursprüngliche, biblische Bedeutung des Begriffs? Auf Nachfrage würde man den Segen durchaus der Kirche und der Glaubenswelt zuordnen. Denn jeder hat schon erlebt, wie ein Brautpaar den Trausegen erhielt, wie Konfirmanden eingesegnet wurden oder ein Gottesdienst mit dem Segen endete. Aber weiß man davon auch, was ein Segen ist – und was er bewirkt?  

 

Ist der Segen vielleicht nur ein freundliches Grüßen und Glück-Wünschen des Menschen, der da segnet? Ist er eine feierlich an Gott gerichtete Segensbitte, bei der offen bleibt, ob Gott sie erhören will? Oder ist der Segen eine beschwörende Formel, durch die ein Kundiger magische Segenskräfte übertragen kann? Irgendwie scheint der Segen eine Mitteilung zu sein, die über das bloße Sprechen und die Segensgeste hinaus die gesegnete Person mit dem Guten verknüpft und ihr das Gute, von dem der Segen spricht, regelrecht „aufbindet“, es ihr „an den Hals hängt“ und die Person damit dem Guten „weiht“. Und diesem Segen entspricht der Fluch, der unter umgekehrten Vorzeichen dasselbe tut. Denn auch ein Fluch geht weit über die sprachliche Mitteilung hinaus, indem er die verfluchte Person mit dem Bösen verknüpft und ihr das Böse, von dem der Fluch spricht, regelrecht „aufbindet“, es ihr „an den Hals hängt“ und die Person damit dem Bösen „weiht“. Aber geht das überhaupt? Ist es nicht Aberglaube?  

 

DAS BEISPIEL ABRAHAMS 

 

Um mehr Klarheit zu gewinnen, schauen wir am besten in die Bibel. Denn da begegnet uns gleich am Anfang Abraham, der ziemlich unvermittelt Gottes Segen empfängt. Und am Abrahams Beispiel lassen sich vier Wesensmerkmale des Segens deutlich erkennen.  

 

(1.)  

Zum ersten: was Gott im Segen zusagt, ist nicht „irgendetwas“, es ist keine „Ding“, keine „Macht“ und keine „Gabe“, sondern es ist in erster Linie Gott selbst. Gott sagt dem Abraham sich selbst zu, indem er ihn seiner Gemeinschaft, seiner verbindliche Nähe und seiner Begleitung versichert. „Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn“, sagt Gott (1. Mose 15,1), und „ich will mit dir sein“ (1. Mose 26,3). Der Segen besteht also zunächst nicht in dieser oder jener Segensgabe, sondern im „Mit-Sein“ des allmächtigen Gottes, der sich dem Abraham verbündet. Und diese Grund-bedeutung behält der Segen auch im Neuen Testament, wo am Anfang des Matthäusevangeliums der Name Jesu („Immanuel“) als „Gott mit uns“ gedeutet wird (Mt 1,23), und am Ende die Versicherung steht, er werde bei seinen Jüngern sein „alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28,20). Das „Mit-Sein“ Gottes hat sowohl im Alten wie im Neuen Testament den Charakter eines Geschenks, das der Mensch von sich aus weder verdienen noch erzwingen kann. Doch hat das Geschenk unmittelbare Folgen. Denn Gottes „Mit-Sein“ unterstellt den Gesegneten der Macht Gottes, die ihn zugleich schützt und fordert, ihm Leben zuspricht und dieses Leben im selben Moment auch beansprucht, so dass im Segen immer die Begabung und Verpflichtung des Gesegneten inbegriffen ist.  

 

(2.)  

Die Begabung Abrahams besteht z.B. in Kraft und Schutz – und in Verheißungen, die weit über sein persönliches Leben hinausreichen: Abrahams Nachkommen sollen einmal so zahlreich sein wie die Sterne am Himmel, Gott will sie über ihre Feinde siegen lassen und ihnen das gelobte Land zum Erbe geben. Das „Mit-Sein“ Gottes schließt ein, dass Gott sich mit dem Gesegneten identifiziert und sagt: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen“ (1. Mose 15,3). Man könnte auch sagen: „Deine Freunde sind künftig meine Freunde, und deine Feinde sind meine Feinde.“ Denn so eng schließt sich Gott mit dem Gesegneten zusammen. 

 

(3.)  

In den Segen inbegriffen ist aber zugleich eine Verpflichtung. Denn Gott erwartet, dass der Gesegnete, mit dem er sich identifiziert, sich umgekehrt auch mit ihm und seinem Willen identifiziert. Das schließt zuerst einen festen Glauben ein, der den Zusagen Gottes unbeirrt vertraut, auch wenn ihre Erfüllung lange ausbleiben sollte (Abraham und Sarah müssen bekanntlich lange auf den versprochenen Nachwuchs warten). Es schließt aber auch den Gehorsam gegen Gottes Weisungen ein, denn wer sich denen verweigert – das wird mehrfach betont – zieht anstelle des Segens Gottes Fluch auf sich (5. Mose 11,26-28). Den Schutz der Gemeinschaft mit Gott kann dauerhaft nur genießen, wer dieser Gemeinschaft die Treue hält in seinem Denken, Reden und Handeln – und dafür auch bereit ist Opfer zu bringen (1. Mose 22,1-19).  

 

(4.)  

Wenn der Gesegnete das aber tut und Gottes „Mit-Sein“ entspricht, indem er die Gemeinschaft mit ihm wahrt und Gott hingegeben lebt, dann wird er von Gott als Instrument und Mitarbeiter in Anspruch genommen, bei dem Gottes Segen nicht nur ankommt, um bei ihm stehen zu bleiben, sondern durch den hindurch der Segen dynamisch weiterwirkt und auf andere Menschen ausstrahlt. Abraham soll nicht bloß Segen empfangen, um ihn „für sich zu behalten“, sondern soll auch in eigener Person „ein Segen sein“ (1. Mose 12,2). Und die Bibel berichtet ausführlich, wie dieser Segen von Abraham ausgehend immer weitere Kreise zieht und durch seine Nachfahren bis hin zu Jesus Christus immer mehr Menschen mit Gott in heilvolle Verbindung bringt. Segen „ruht“ also nicht nur auf diesem oder jenem, sondern Segen „strömt“ auch wie ein Fluss, der an weit entfernter Quelle entspringt und als mächtiger Strom in der Gegenwart anlangt. In der Christenheit ist dieser Segen ganz durch Jesus Christus geprägt, dessen Lebensaufgabe darin bestand, den Fluch des Gesetzes zu durchbrechen und dem zunächst partikularen Segen Abrahams zu universaler Wirkung bei allen Völkern zu verhelfen. Paulus sagt: 

 

„Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns; denn es steht geschrieben: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“, damit der Segen Abrahams unter die Heiden komme in Christus Jesus und wir den verheißenen Geist empfingen durch den Glauben.“ 

(Gal 3,13-14; vgl. auch Apg 3,25-26) 

 

SEGEN „WEITERGEBEN“? 

 

Wie funktioniert die Weitergabe des Segens? Am Anfang stellt sich diese Frage nicht. Denn da ist Gott selbst der, der segnet, und kein Mensch tritt vermittelnd zwischen ihn und Abraham. Wenn der Segen dann aber „weiterwandert“ (von Abraham zu Isaak, von Isaak zu Jakob und immer weiter bis zu uns), geht Gottes Segen von Mensch zu Mensch. Und die menschliche Mitwirkung wirft Fragen auf. Denn – wie ist das? Wird Gottes Segen im Verlauf des Prozesses so in die Hände der Menschen gelegt, dass es nicht mehr Gott selbst ist, der segnet, sondern der Mensch? Oder ist es weiterhin Gott, der sich das Segnen vorbehält, so dass der segnende Mensch nur darum bitten kann – und offen lassen muss, ob Gott es auch will und tut?  

 

Beides würde der Sache nicht gerecht. Denn im ersten Fall bekäme der Segen etwas „magisches“. Da wäre es der Mensch, der segnend (wie durch einen Zauberspruch) göttliche Kräfte kontrollieren, lenken und benutzen könnte. Im zweiten Falle wäre der Segen aber nur eine Sonderform des Fürbittgebets, dessen Erfolg Gott überlassen bliebe, so dass hinterher niemand wüsste, ob nun wirklich Segen gespendet und empfangen wurde oder nicht. Den biblischen Sachverhalt trifft weder das eine noch das andere. Darum müssen wir zunächst festhalten, dass der eigentliche Spender des Segens immer Gott selbst ist – und nicht der segnende Mensch. Denn die Zusage, dass Gott sich einem Menschen verbünden und „mit ihm“ sein will, kann nur von Gott ausgehen. Kein Mensch könnte einen anderen in die Gemeinschaft mit Gott aufnehmen, wenn es nicht (durch diesen Menschen) Gott selbst täte. Darum stehen am Ende des aaronitischen Segens das „ihr“ und das „ich“ so eng nebeneinander: „ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen“, sagt Gott, „dass ich sie segne“ (4. Mose 6,27). Ein magisches Missverstehen des Segens ist damit ausgeschlossen. Denn niemand vermag Gott zu binden, wenn er sich nicht selbst bindet. Aber – das ist dem zweiten Missverständnis entgegenzuhalten – wo Gott sich freiwillig bindet, da ist er auch wirklich gebunden. Und hat er’s getan, wäre es regelrecht beleidigend, die Wirkmacht des von Gott beauftragten Segens auch nur für eine Sekunde zu bezweifeln. Denn Gottes Wort ist nicht leer dahingesagt, sondern es schafft Fakten. Wenn Gott zu segnen beauftragt, dann geschieht auch Segen! Und wenn der Beauftragte das noch im Segnen bezweifeln und voller Ungewissheit bloß um Segen bitten wollte, offenbarte er damit seinen Kleinglauben. Denn vollmächtiger Segen ist kein unverbindliches „Wünschen“, sondern er wird mit Gewissheit „erteilt“ – und dem Gesegneten wird dabei weniger etwas „gesagt“, als etwas „getan“.  

 

Mit anderen Worten: der Segen redet nicht vom Heil, ohne auch zu geben, wovon er redet. Der Segen selbst schafft die Wirklichkeit, die er benennt. Er schenkt das, was seine Worte sagen. Und er entspricht darin der Absolution, die ja auch nicht zaghaft Vergebung „erbittet“, sondern sie wirksam erteilt. Natürlich geschieht das nicht, weil irgendein Mensch die Macht hätte, dergleichen aus sich heraus zu tun, sondern weil Gott zugesagt hat, es durch die Seinen zu tun! „Es sind nicht unsere Werke“, sagt Luther, „sondern sind Gottes Werke durch unser Amt und Dienst“. Gerade darum aber – weil’s Gottes eigene Werke sind – haben sie genug Kraft, dass die Güter, die im Segen verheißen werden, den Worten wahrhaftig folgen müssen. Sie sind im Segen „da“, werden dargereicht und vor die Nase gehalten – und wer sie nimmt hat sie!  

 

SEGEN ZWINGT SICH NICHT AUF 

 

Damit ist zugleich gesagt, dass, wer das Dargebotene nicht annimmt, es auch nicht hat, sondern verliert. Denn so wirkmächtig der Segen auch ist, geht es darin doch um heilvolle Gemeinschaft mit Gott. Und die zwingt sich nicht auf, wenn der Mensch seinem Schöpfer den Rücken kehrt. Wie bei Taufe, Absolution und Abendmahl empfängt auch beim Segen keiner das dargebotene Heil, der es nicht im Glauben empfängt. Denn der Glaube ist zwar nicht nötig, damit der Segen ein vollgültiger Segen sei (die Macht des Segens wird allein durch Gottes Auftrag sichergestellt). Aber damit der Segen hilfreich beim Menschen ankommt – dazu braucht’s den Glauben durchaus. Dass der Segen „wirkt“, hat keine Bedingung auf Seiten des Empfängers, dass er „heilsam wirkt“, aber schon. Der Segen selbst ist als Gottes Tat eine Gegebenheit, zu der der Empfänger des Segens nichts hinzufügen muss und an der er nichts abbrechen kann. Ist sein Herz aber verschlossen, entzieht er sich der positiven Wirkung und handelt sich statt des Segens den Fluch ein. Jesus hat das eindrücklich beschrieben als er seinen Jüngern Anweisung gab, wie sie auf Missionsreisen verfahren sollen. Er sprach:  

 

„Wenn ihr aber in eine Stadt oder ein Dorf geht, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; und bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht. Wenn ihr aber in ein Haus geht, so grüßt es; und wenn es das Haus wert ist, wird euer Friede auf sie kommen. Ist es aber nicht wert, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden. Und wenn euch jemand nicht aufnehmen und eure Rede nicht hören wird, so geht heraus aus diesem Hause oder dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. Wahrlich, ich sage euch: Dem Land der Sodomer und Gomorrer wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als dieser Stadt.“ (Mt 10,11-15) 

 

Was Jesus da sagt, ist deutlich genug. Mit den Boten des Evangeliums geht der Frieden und der Segen Gottes durch die Welt. Und wer mit den Boten auch die Botschaft aufnimmt, wird dadurch des Friedens und des Segens teilhaftig. Wer aber mit den Boten zugleich ihre Botschaft abweist, der wahrt nicht etwa Neutralität, sondern zieht den Fluch auf sich, weil es zwischen Segen und Fluch keine „neutrale Zone“ gibt. Wer Gottes „Mit-Sein“ nicht will, bleibt ohne ihn, und diesem „Ohne-Sein“ folgt nicht etwa ein Fluch, sondern ohne Gott zu sein – das ist der Fluch. 

 

WER KANN SEGNEN? 

 

Es dürfte deutlich sein, dass Segen und Fluch kein „leeres Gerede“ sind. In Anlehnung an G. van der Leeuw kann man sagen: der Segen bringt den Gesegneten durch das Wort unter eben die heilende und heiligende Macht Gottes, von der im Segen die Rede ist. Der Gesegnete wird dieser Macht geweiht, die man auf ihn herabruft. Der Fluch hingegen bringt den Verfluchten unter die das Verdorbene verderbende Macht Gottes, von der im Fluch die Rede ist. Und auch dieser Verfluchte wird damit der Macht geweiht, die man auf ihn herabruft.  

 

Wer ist aber zu solchem Segnen oder Fluchen berufen? Wer ist dazu fähig? Es ist durchaus nicht so, dass Christen nicht fluchen könnten (Gal 1,8-9; 1. Kor 16,22; Mk 11,21; Apg 8,20). Generell haben sie aber keinen Auftrag zum Fluchen, sondern zum Segnen (Lk 6,28; Röm 12,14; 1. Petr 3,9). Und diese Vollmacht zur Weitergabe des von Christus empfangenen Segens ist nicht etwa den Geistlichen allein oder „der Kirche“ übertragen, sondern jedem Christen. Jeder gläubige Christ ist kraft seiner Taufe ein Gesegneter und kraft des allgemeinen Priestertums zum Segnen ermächtigt. Und es ist ein großer Verlust, wenn er es nicht tut. Denn an Gelegenheit fehlt es nicht. Wenn ein kleines Kind in seinem Bett schläft, können ihm Vater oder Mutter die Hand auf den Kopf legen und (denken oder) sagen: „Ich segne dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Wenn das Kind am Morgen auf den Schulweg geht, und man ihm zum Abschied über den Kopf streicht, kann man dasselbe tun. Und wenn jemand krank daniederliegt, geht das natürlich auch. Man muss dazu kein Pfarrer sein! Jeder Christ kann segnen und auch ein Kreuz dazu schlagen. Und er muss keine Zweifel haben, ob er dessen würdig oder fähig ist. Denn die Kraft des Segens beruht nicht auf der Vollkommenheit des Menschen, der den Segen mitteilt, sondern auf Gottes Zusage, die ihn autorisiert. Der Segen ist darum nicht so schwach wie der Mensch, der ihn spricht, sondern so stark wie der Gott, von dem er kommt. Darf ich als Christ aber gewiss sein, dass Gott hinter meiner guten Absicht steht und dem Menschen Gutes will, der vor mir steht, brauche ich nur noch den Willen, für Gottes Segen „durchlässig“ zu sein wie ein Rohr oder ein Kanal für lebensspendendes Wasser… 

 

Jeder Christ soll im Name Jesu Christi segnend das Werk Christi fortführen. Ebenso sicher ist aber, dass einem Nicht-Christen die Voraussetzungen dazu fehlen. Denn wer könnte im Namen des dreieinigen Gottes segnen, wenn er an diesen dreieinigen Gott nicht glaubt? Segnen kann nur, wer selbst gesegnet ist. Denn niemand vermag anderen etwas „weiterzugeben“ und „mitzuteilen“, dessen er selbst nicht teilhaftig ist. Was man nicht hat, kann man nicht geben! Der Kanal aber, der wirklich Wasser leitet – kann man sich vorstellen, dass der dabei trocken bliebe? Auch bei der Mitteilung des Heiligen Geistes setzt das Neue Testament voraus, dass der, der die Hände auflegt, von dem erfüllt ist, was durch ihn auf andere überströmen soll (vgl. z.B. Apg 8,9-25). Doch steht diese Voraussetzung bei Christen zum Glück außer Frage: sie dürfen sich allezeit gesegnet wissen, denn ein größerer Segen, als auf den Namen Jesu Christi getauft zu sein und zu glauben, lässt sich gar nicht denken! Man kann natürlich den Fall eines heuchlerischen und ungläubigen Pfarrers konstruieren und dann fragen, ob dessen Gemeinde trotz liturgisch korrektem Segensvotum „leer“ ausginge. Und weil in so einem Fall selbst Taufe und Abendmahl ihre Gültigkeit nicht einbüßen, wird man Gott zutrauen, dass er trotz des untauglichen Werkzeugs die Gemeinde um ihrer Bedürftigkeit willen segnete. Es geschähe aber weniger „durch“ den Pfarrer als „an ihm vorbei“ und faktisch „ohne ihn“, so dass der Grundsatz (dass man gesegnet sein muss, um segnen zu können) auch hier bestehen bleibt.  

 

WER KANN SEGEN EMPFANGEN? 

 

Gottes „Mit-Sein“ ist als Zusage von Gemeinschaft ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und einer lebendigen Seele, so dass der Begriff des Segens im vollen Sinne nur auf Personen angewandt werden kann. Bei Glocken, Gebäuden, Fahrzeugen und anderen „toten Gegenständen“ spricht man besser von einer „Weihe“ oder „Einweihung“. Und wenn Menschen den Segen begehren für eine vor ihnen liegende Aufgabe, für ein Projekt oder eine Beziehung, darf diese dem Willen Gottes natürlich nicht zuwider sein. Wie am Beispiel Abrahams gezeigt, schließt der Segen immer eine Verpflichtung mit ein. Darum kann auf dem, was nach Gottes Wort falsch und verwerflich ist, niemals Segen liegen. Und wer es trotzdem im Namen Gottes segnen wollte, würde seinen Namen dabei auf schreckliche Weise missbrauchen. Wer segnet, was Gott ein Gräuel ist, hört auf, Gottes ausführendes Organ zu sein – und erliegt der Versuchung, der Bileam so tapfer widerstand (vgl. 4. Mose 23,20): Bileam durfte nicht fluchen, wo Gott segnet. Und er hätte ebensowenig segnen dürfen, wo Gott flucht. Denn die Weitergabe des Segens hat in strikter Bindung an den Willen Gottes zu erfolgen und kann das keinesfalls einbeziehen, was die Heilige Schrift Sünde nennt. Wohl kann der Sünder als Person einen Segen empfangen! Doch wird das kein Segen sein, der seine Sünde „absegnet“, sondern einer, der den Appell zur Buße mit einschließt. Das bedeutet keineswegs, der Empfänger müsse des Segens „würdig“ sein. Denn wer wäre das schon? Bedingung für den heilvollen Empfang des Segens ist aber, dass der Empfänger den Segen begehrt und ihn annimmt, indem er sich zugleich unter Gottes segnende Hand beugt. Während Jakob seinen blinden Vater und seinen Bruder auf übelste Weise betrog, war er sicherlich keines Segens „würdig“! Er empfing ihn ab dennoch, weil er den Segen hier, wie auch später am Jabbok, so entschlossen begehrte (vgl. 1. Mose 27,1-40 und 32,23-33). 

 

WIE WIRKT SEGEN? 

 

Es bleibt die Frage, wie man sich die Wirkung des Segens vorstellen soll, da sie ja nicht „messbar“ ist. Die mächtige Realität, von der hier die Rede ist, entzieht sich der Beobachtung. Weil es im Segen aber um Beziehungen geht, kann es hilfreich sein, an ein Schachspiel zu denken. Auch die Schachfiguren, die während des Spiels hin- und hergezogen werden, bleiben auf sich selbst gesehen dieselben. Der Positionswechsel auf dem Schachbrett ändert weder ihre Gestalt noch ihre Farbe oder ihr Gewicht. Er hat insofern keine „messbaren“ Folgen. Und trotzdem kann z.B. ein weißer Bauer – abhängig von der Konstellation um ihn herum – in sehr verschiedenen Lagen sein. Der Bauer kann völlig sicher oder so gut wie verloren sein, je nachdem, ob er sich in der Reichweite der eigenen oder der gegnerischen Figuren befindet. Blendet man sein Umfeld aus, ist dem Bauern selbst nichts anzusehen! Doch je nachdem, ob er sich in der Machtsphäre gegnerischer Figuren befindet oder gut geschützt hinter einem Bollwerk eigener Figuren, ist seine Situation sehr verschieden. Und – wenn man den groben Vergleich entschuldigt – ganz ähnlich verhält es sich mit Menschen, auf denen Segen ruht oder Fluch lastet. Wer mir flucht, ruft Unheil herbei und gibt dem Unheil, dem er mich weiht, die Zielkoordinaten meiner Position. Wer hingegen segnet, ruft Gottes Güte herbei und weiht meine Person dem damit präsenten Heil. Das aber bleibt nicht folgenlos, sondern macht den gewaltigen Unterschied, dass ich entweder von bösen Mächten umzingelt oder „von guten Mächten wunderbar geborgen“ bin. 

Luther zu 1. Mose 27,28-29 (Walch, 2. Ausg., Bd. II, Sp. 298-301): 

 

Dieser Segen aber ist nicht ein leerer Schall von Worten oder ein Glückwunsch, damit Einer dem Andern etwas Gutes pflegt zu wünschen. Als, wenn ich sage: Gott gebe dir feine und gehorsame Kinder; das sind nur solche Worte, damit man Einem etwas Gutes wünscht, damit ich einem Andern nichts gebe, sondern allein etwas wünsche; und ist ein solcher Segen, der ungewiß ist und noch vom Erfolg abhängt. Dieser Segen aber des Patriarchen Isaak zeigt auch ein gegenwärtiges Gut und ist für immer gewiß. Es ist kein Wunsch, sondern er gibt ihm damit das Gut, und sagt damit zu ihm also: Siehe, nimm die Gaben hin, die ich dir mit Worten verspreche. Denn das ist ein Anderes, wenn ich sage: Ich wollte dir wünschen, daß du einen starken und gesunden Leib möchtest haben, daß du einen guten Verstand hättest; da das Wort „haben“ eben nicht folgt. Es ist aber ein Anderes, wenn ich dir einen Sack mit Geld darbiete, und sage: Siehe, nimm hin, da hast du tausend Gulden, die will ich dir schenken; oder da Christus sagt zu dem Gichtbrüchigen Matth. 9,6.: „Stehe auf, heb dein Bette auf und gehe heim“ etc. Nach gemeinem Segen, damit Einer dem Andern Gutes wünscht, hätte er gesagt: Ach wollte Gott, daß du möchtest gesund und stark sein; damit würde aber die Krankheit nicht abgeschafft, und würde darauf nicht folgen, daß der Kranke wieder zu Kräften käme. Darum ist das nur ein Wortsegen. In der heiligen Schrift aber sind thatsächliche Segen: nicht allein Segenswünsche, sondern wirkliche Segen, die das wirklich schenken und mit sich bringen, was die Worte sagen. Wie wir denn im Neuen Testament auch solche Segen haben durch das Priesterthum Christi, welches unser Segen ist, wenn ich sage: Nimm hin die Absolution deiner Sünde. Wenn ich aber also sagte: Wollte Gott, daß dir deine Sünden vergeben wären; ach, daß du fromm und in Gottes Gnade wärest; oder: Ich wünsche dir von Gott Gnade und Barmherzigkeit, das ewige Reich und Erlösung von deinen Sünden: das möchte man einen Segen der Liebe heißen. Aber der Segen der Verheißung und des Glaubens und der gegenwärtigen Gaben lautet also: Ich absolvire dich von deinen Sünden im Namen des Vaters, und des Sohnes und des Heiligen Geistes, das ist: Ich versöhne deine Seele mit Gott, nehme von dir den Zorn und Ungnade Gottes und setze dich in Gottes Gnade, ich gebe dir das Erbe des ewigen Lebens und das Himmelreich. Diese Dinge alle haben die Kraft und Gewalt, daß sie dir gegenwärtig und wahrhaftig gegeben  werden, wenn du glaubst. Denn es sind nicht unsere Werke, sondern sind Gottes Werke durch unser Amt und Dienst. Derhalben sind es nicht solche Segen, die nur etwas wünschen, sondern die es auch mittheilen.