Die gute Nachricht des Neue Testaments besteht darin, dass Christus ein Problem löst, das Menschen mit Gott haben. Doch neuerdings wird der Akzent sehr verschoben und mancher predigt, als bestünde Erlösung nicht darin, dass Christus uns mit Gott, sondern dass er uns mit uns selbst versöhnt. Jesus ging aber nicht ans Kreuz, damit wir uns selbst gnädig sind. Und er lehrte auch seine Jünger nicht, sich selbst zu lieben, sondern sich selbst zu hassen (Lk 14,26), denn niemand kann den guten Gott lieben, ohne das Böse in sich selbst zu verdammen.

Ein Evangelium der Selbstannahme?

 

Überall wo Christen sind, wird Evangelium gepredigt. Und keiner, der’s verkündet, lässt Zweifel daran aufkommen, dass es eine „gute Nachricht“ ist. Denn „Evangelium“ heißt ja übersetzt „gute Nachricht“. Und weil es alle Prediger demselben Neuen Testament entnehmen, unterstellt man auch gern, dass sie alle dasselbe meinen: Jesus ist gekommen, um unsere Not zu überwinden, um Versöhnung zu schaffen und Frieden zu schenken. Darin scheinen alle einig zu sein! Und doch haben sich die Akzente in letzter Zeit seltsam verschoben. Denn das Neue Testament setzt voraus, dass Jesus ein Problem löst, das wir mit Gott haben. In modernen Predigten klingt es aber oft, als ginge es um ein Problem, das wir mit uns selbst haben. Und obwohl Jesus in beiden Fällen zentrale Bedeutung zukommt, ist es doch nicht mehr dasselbe Evangelium. Denn in der neuen Lesart scheint Jesu Sendung nicht darin zu bestehen, dass er uns mit Gott, sondern dass er uns mit uns selbst versöhnt. Und darüber würden sich sämtliche Apostel (und auch die Reformatoren) sehr verwundert die Augen reiben. Die meinten nämlich, des Menschen Not bestünde darin, dass er als Sünder Gottes Gebot nicht folgt, dass er Gottes Maßstäben nicht genügt und darum Gottes Zorn verdient. Die gute Nachricht ihres Evangeliums ist dementsprechend, dass Christus für uns den Kopf hinhält und uns durch sein stellvertretendes Leiden vor Gottes Gericht bewahrt. Seit Adam und Eva sind wir auf Kollisionskurs mit dem Allmächtigen, aber Christus verhindert, dass uns diese Dummheit zum Verhängnis wird. Das neutestamentliche Evangelium besteht also darin, dass wir um Christi willen einen gnädigen Gott haben, der uns annimmt, und bei dem wir Frieden finden. In vielen modernen Predigten hört man aber gar nichts mehr von einem Konflikt mit Gott. Sondern es klingt, als sollten wir in erster Linie uns selbst gnädig sein und mit uns selbst Frieden schließen – während Gottes Gnade ganz selbstverständlich vorausgesetzt wird. Was macht also neuerdings die Not des Menschen aus? Offenbar nicht, dass er Gott, sondern dass er sich selbst etwas schuldig bleibt! Dass er nämlich seinen eigenen Ansprüchen nicht genügt, oder dass er von anderen Menschen abgelehnt wird, die überhöhte Forderungen an ihn stellen und es ihm damit unmöglich machen, sich selbst anzunehmen und glücklich zu sein. Nicht Gott, sondern die anderen Menschen scheinen die Richter zu sein, vor deren Urteil man sich fürchtet! Nicht mit Gott, sondern mit sich selbst will man „im Einklang“ sein! Und die gute Nachricht des Evangeliums soll nun lauten, dass Gott den unverstandenen, unter Selbstzweifeln leidenden Menschen bedingungslos „toll“ findet und ihn genau so liebt, wie er ist – einschließlich all seiner Sünden und seiner Lauheit im Glauben. 

Nun gönnt man jedem von der Welt „gedissten“ Menschen, dass er Bestätigung erfährt. Aber ist Jesus wirklich in die Welt gekommen, um unsere Selbstwert-Probleme zu lösen? Ist das wirklich das Thema des Neuen Testaments, dass wir uns selbst unsere Fehler verzeihen, uns selbst annehmen und uns mit uns selbst versöhnen? Geht’s da um Balsam für gekränkte Seelen – oder geht’s um den Frieden mit Gott? Dass die Welt gemein ist, gebe ich zu! Aber will das Evangelium eine Krücke sein für mein verletztes Ego? Auch ich leide darunter, dass ich nicht so toll bin, wie ich’s gern wäre, und hätte gern mehr Bestätigung! Aber ob ich als Sünder Gott nicht genüge, oder bloß meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge, macht einen Unterschied. Und ob ich mir selbst verzeihe, oder ob Gott mir verzeiht, ist nicht dasselbe. Denn was kümmert‘s Jesus, ob ich mich „gut finde“? Ihn kümmert, ob ich in Gottes Gnade stehe oder unter Gottes Fluch! Jesus will sicherstellen, dass ich dem Zorn und dem Gericht entgehe – das ist die Tat seiner Liebe! Aber Jesus fordert nirgends, dass ich mich selbst gut finden oder lieben sollte. Er lehrt mich in Gott zu ruhen – aber keineswegs in mir selbst zu ruhen. Und wenn ich mich wegen meiner Fehler selbst verachte, sagt Jesus bestimmt nicht, das sei unbegründet, sondern steht mir trotzdem bei. Jesus ruft mir nicht zu „Hey, du bist ok, ich finde dich toll!“ – nur damit ich mich besser fühle. Sondern er sagt „Auweh, du bist wirklich ein krummer Hund, aber komm trotzdem zu mir, wir kriegen das hin!“ Jesu Evangelium hilft mir nicht, vor meinem eigenen Urteil zu bestehen, sondern vor Gottes Urteil zu bestehen. Und nur darauf kommt es an. Denn schließlich bin ich nicht mein eigener Richter, sondern Gott ist es. Es würde gar nichts nützen, wenn ich mit mir selbst „im Reinen“ wäre – und nicht mit ihm! Darum lobt Jesus auch nicht, wo es nichts zu loben gibt, und versöhnt mich nicht mit mir selbst, sondern versöhnt mich mit Gott und lobt Gottes Freundlichkeit. Denn wichtiger, als dass ich mir meine Fehler verzeihe, ist, dass der Allmächtige es tut. Nicht, dass der Mensch mit sich selbst hadert, ist sein Hauptproblem, sondern dass er Gott erzürnt. Nicht, dass er sich schlecht fühlt, sollte ihm Sorgen machen, sondern dass er immer wieder dem Bösen erliegt. Denn wenn ein Sünder den fatalen Konflikt mit Gott bis zuletzt nicht beilegen kann, dann ist „mangelndes Selbstwertgefühl“ in der Ewigkeit sein geringstes Problem. Wird aber neuerdings der Konflikt mit Gott verschwiegen, der im Neuen Testament die Hauptsache ist (und der alleinige Grund, weshalb Gottes Sohn sich den Weg ans Kreuz nicht ersparen kann) – was ist das dann für ein seltsames neues „Evangelium der Selbstannahme“? In der Bibel findet man’s nicht. Darum kennen’s auch die Reformatoren nicht. Und doch wird es heute auf so vielen Kanälen verbreitet, dass uns die Dramaturgie schon vertraut ist: 

Da erzählt jemand, dass er früher in der Schule gemobbt wurde, oder dass seine Eltern viel zu streng waren, dass er sich selbst dumm und hässlich fand, von den Anderen abgelehnt wurde, und sich selbst darum umso mehr unter Druck setzte. Er berichtet, wie er in Beziehungen scheiterte, Süchten verfiel und sein Leben zu hassen begann. An sich selbst verzweifelnd hört er dann aber, dass Jesus ihn unendlich wertschätzt, ihn schön und gut und toll findet, ihn liebt und bedingungslos annimmt. Er übernimmt dieses positive Selbstbild. Und die eigentliche Erlösung besteht dann darin, dass der Betreffende (durch die Wertschätzung Jesu aufgebaut) sich mit sich selbst versöhnt, sich seine Schwächen verzeiht und triumphierend ruft: „Ich darf so bleiben, wie ich bin, und darf mich gut finden, weil auch Jesus mich genau so gut findet, wie ich bin, und mich liebt!“ Der Mensch bekehrt sich sozusagen zur Selbstliebe. Alle Selbstzweifel lässt er hinter sich, als wären sie unbegründet gewesen. Er ist erlöst zum Wohlgefühl der Selbstannahme. Und – oh Wunder – plötzlich finden ihn auch die anderen großartig, und er ist erfolgreich im Beruf und im Privatleben! Bei so viel positiver Ausstrahlung ruft dann jeder Motivationstrainer: „Genau! Man muss nur an sich selbst glauben!“ Aber ist das wirklich das Ziel des Evangeliums, dass wir an uns selbst glauben? War Jesus „Motivationstrainer“? Oder wird hier die Botschaft des Neuen Testaments in eine Psychomasche verkehrt? Ich fürchte, das Evangelium wird zweckentfremdet, um angeknackstes Selbstwertgefühl zu heilen. Und um Gott geht‘s dabei gar nicht. Denn das Ziel ist die Selbstannahme, in der sich einer endlich selbst gefällt. Aber ging Jesus wirklich ans Kreuz, damit wir lernten, mit uns zufriedener zu sein, ausgeglichener oder erfolgreicher? Ich habe jede Menge Verständnis für entsprechende Wünsche, denn auch ich liebe es, bestätigt und bestärkt zu werden! Da ich bei weitem nicht der bin, der ich in meinen Träumen gern wäre, bin ich für jeden dankbar, der mich über meine Defizite hinwegtröstet, mich lobt und mich großartig findet! Doch darf man trotzdem nicht Wellness mit Religion vermengen. Denn unsere Selbstzufriedenheit zu fördern, ist nicht wirklich das, was Jesus wollte. Und wenn sich jemand für einen elenden Sünder hielt, wüsste ich nicht, dass Jesus ihm widersprochen hätte. Natürlich ist er trotzdem bei diesen Menschen eingekehrt – ja, gewiss! Aber Jesus leugnet damit nicht, dass sein Gastgeber ein Problem hat, sondern er bestätigt die Diagnose, indem er unverzüglich zur Therapie schreitet. Jesus kommt nicht in die Welt, um eingebildete Kranke darüber aufzuklären, dass sie kerngesund sind. Sondern er kommt, um wirklich Todkranke zu heilen! Jesus liebt uns auch gar nicht, weil wir unschuldig wären, sondern obwohl wir schuldig sind. Er kennt unseren Hang zum Bösen. Und weil er den durchaus nicht liebt und nicht toleriert, will er auch nicht, dass wir bleiben, wie wir sind! Jesus stirbt nicht für uns, weil wir seine Gnade verdienten, sondern bloß, weil wir sie nötig haben. Er rettet uns nicht vor überhöhten Ansprüchen der Gesellschaft oder dem Ungenügen an uns selbst, sondern vor dem berechtigten Zorn Gottes. Und am Ende sollen wir uns auch nicht dessen trösten, dass wir trotz allem gut wären, sondern sollen bloß wissen, dass Jesus gut ist – und uns daran genügen lassen. Gottgefällig sollen wir werden – nicht selbstgefällig! Denn es ist und bleibt ein Unterschied, ob ich mich annehme – oder ob Gott mich annimmt. Weil das aber viele nicht auseinanderhalten und auf Grundlage dieser Verwechslung „Seelsorge“ betreiben, muss man heute neu betonen und hervorheben, dass Selbstliebe keine christliche Tugend ist, sondern eine klassische Definition von Sünde („amor sui“). Viele wollen davon nichts wissen, schwenken ihre Bibel und verkünden, Selbstliebe sei sogar die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch Gott und seinen Nächsten lieben könne. Doch steht davon kein Wort im Neuen Testament. Die These stammt aus der humanistischen Psychologie. Und wenn die sich auf Jesu Gebot beruft „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mt 22,39), dann tut sie’s zu Unrecht. Denn da steht nicht, „Liebe deinen Nächsten und dich selbst“, sondern „wie dich selbst“. Jesus gebietet also nicht, dass der Mensch sich selbst lieben soll, sondern er setzt voraus, dass wir das sowieso alle tun, und nimmt unsere egozentrische Selbstliebe zum Maßstab, bei dem er uns behaftet. Sein Gebot sagt: so aufmerksam, wie du für dich selbst sorgst, sollst du auch für deinen Nächsten sorgen. Genauso fleißig, wie du auf dein eigenes Wohl bedacht bist, sollst du auch darüber nachdenken, was deinem Mitmenschen nützt. Wer’s aber nicht glauben will und dennoch meint, er solle sich in Jesu Namen selber lieben, möge bitte das Neue Testament aufschlagen und zur Kenntnis nehmen, dass Jesus sogar das Gegenteil empfiehlt und ausdrücklich fordert, dass wir uns selbst hassen sollen. Im Lukasevangelium sagt er das nämlich ganz unmissverständlich: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein“ (Lk 14,26). Manche finden den Vers so bestürzend, dass sie steif und fest behaupten, er müsse falsch übersetzt sein, denn so etwas könne Jesus unmöglich gesagt haben. Aber es steht wirklich da – und ist auch durchaus kein Versehen. Jesus sagt, niemand könne sein Jünger sein, wenn er sich nicht hasst. Und er meint damit, dass der Mensch sich innerlich wie äußerlich von dem distanzieren muss, was an ihm selbst verkehrt ist und gegen Gott streitet. Denn eben das nennt man doch „Buße“, dass einer seiner alten Adamsnatur täglich den Untergang wünscht und sich mit Abscheu von ihr wegwendet, um in Christus ein neuer Mensch zu werden. Alles andere wäre auch unlogisch. Denn man kann den guten Gott nicht lieben, ohne das Böse in sich selbst zu hassen. Und Gott Recht geben, heißt darum immer, die eigene Sünde zu verdammen – und auch den Rest der Welt in seiner Gottlosigkeit radikal abzulehnen! Diese Umkehr muss mit Leidenschaft geschehen, darum ist „Hass“ das richtige Wort. Statt sein altes Ego zu streicheln, will ein Christ es lieber heute als morgen überwunden sehen! Und schon daraus ist zu entnehmen, dass Selbstliebe nicht ins Evangelium gehört. Denn solange wir leben wohnen immer zwei Herzen in unserer Brust. Wir sind immer noch Gerechte und Sünder zugleich und liegen im Streit mit uns selbst, weil Gut und Böse in uns ringen. Gott verspricht uns zu vollenden, so dass das Gute in uns siegt – aber das steht noch aus. Im Moment klebt uns noch allerhand Falsches an. Und eine pauschale Selbstannahme in der aktuellen Verfassung schlösse darum die Annahme dieses Falschen mit ein. Zur vollen Selbstliebe müssten wir auch das Inakzeptable an uns akzeptieren und Frieden schließen mit der teuflischen Seite, die wir alle noch in uns haben. Und das kann nicht im Sinne Jesu sein. Denn es gibt bei ihm kein Evangelium, das Sünde „ok“ fände und damit schwarz für weiß erklärte. Sondern es gibt bei Jesus nur eine Rettung der Person bei gleichzeitiger Verwerfung ihrer Sünde. Jesu Evangelium kennt eine Rechtfertigung des Sünders, aber keine Rechtfertigung der Sünde. Was also nützt es dem Menschen, sich mit der eigenen Verkehrtheit anzufreunden, wenn sich doch Gott nicht mit ihr anfreundet? Er wird mich einmal von meinem Fehlern befreien – aber er findet sie nicht „ok“! Was nützt es also, dass sich einer selbst akzeptiert, wenn Gott mit ihm noch gar nicht fertig ist? Wollen wir uns Erlösung nicht bloß einreden, sondern sie erleben, so müssen wir nicht vor uns selbst bestehen, sondern vor unserem Schöpfer. Nicht mit uns selbst müssen wir versöhnt werden, sondern mit ihm. Machen wir also aus dem christlichen Glauben keine „Psychomasche“, die uns bloß „innere Ausgeglichenheit“ verschafft, sondern bleiben wir bei dem Thema, das uns das Neue Testament vorgibt. Denn das ist tröstlich genug. Wir sind zwar heute durchaus noch nicht richtig und nicht akzeptabel – aber mit Gottes Hilfe werden wir’s einmal sein. Wir tragen noch manchen Schmutz an uns – aber Christus hat versprochen, uns zu reinigen. Wir sind nicht vollkommen – aber Gott wird dafür sorgen. Was an uns heute noch krumm ist, wird er spätestens in der Ewigkeit gerade richten. Und wenn sein Werk an uns vollendet ist, werden wir allen Grund haben, uns bedingungslos anzunehmen. Wenn wir dann restlos Gott gefallen, dürfen wir auch uns gefallen. Doch heute schon vorwegzunehmen, was erst im Himmel dran ist, wäre verfrüht. Und es ist auch gar nicht nötig. Denn zum Verhängnis kann uns unsere Schwäche nicht mehr werden. Wir wissen, dass Christus schon heute mehr in uns sieht, als wir selbst sehen. Er kann annehmen, was unannehmbar ist. Er kann verzeihen, wo wir uns verdammen. Gott ist größer als unser Herz (1. Joh 3,20). Und an seiner Gnade, die in den Schwachen mächtig ist, können wir uns bis auf Weiteres genügen lassen.

 

In die einsame, stille, freie Gottheit trage deinen unnützen, hässlichen Seelengrund,

der überwachsen ist mit Unkraut, ledig alles Guten, und voll der wilden Tiere.

Gott entgegen trage deine Finsternis, die allen Lichtes entbehrt,

und lass ihn dich erleuchten.   ( J. Tauler )