Zwischen Schöpfung und Urknall besteht ebenso wenig eine Alternative wie zwischen göttlicher Fürsorge und menschlicher Selbsterhaltung. Unser „täglich Brot“ kommt vom Bäcker und kommt doch von Gott. Denn so wie wir für unsere Arbeit Werkzeuge benutzen, so bedient sich Gott der natürlichen und kulturellen Kräfte: Sie sind Instrumente in seiner Hand, die ohne ihn unser Leben so wenig erhalten könnten, wie ein Hammer ohne Tischler einen Nagel einzuschlagen vermag.                                                                                                        zum nächsten Video


Natur, Schicksal und Geschichte

Sind alle Dinge nur Masken Gottes?

 

Wer das politische Geschehen beobachtet, kann regelrecht zusehen wie die Welt ihr Gesicht verändert. Völker erheben sich und befreien sich von ihren Herrschern, aber um die Ecke wartet schon die nächste Tyrannei. Politische und wirtschaftliche Krisen tauchen auf, versetzen die Menschen in Angst und werden doch bald von neuesten Entwicklungen überholt. Alte Bündnisse zerbrechen und neue Supermächte erheben sich am Horizont. Der Mensch aber, der bei alledem zugleich Beobachter und Betroffener ist, sucht einen Schlüssel zum Verständnis der geschichtlichen Prozesse. Er versucht das große Bühnenstück zu interpretieren, in dem er selbst eine Rolle spielt. Und er fragt sich, welcher rote Faden eigentliche die vielen verworrenen geschichtlichen Fäden zusammenhält: Ist es vielleicht der Fortschritt, der die Geschichte beständig vorantreibt? Oder sind es die ökonomischen Verhältnisse? Bestimmen einzelne Politiker und Feldherren den Lauf der Welt? Oder tut das der Wettstreit der Ideologien? Ist Geschichte ein Kampf der Rassen und Klassen? Bestimmen dumpfe Gesetzmäßigkeiten ihren Lauf – oder doch eher Zufälle? Hat die Geschichte ein Ziel? Hat sie Vernunft? Oder funktioniert sie nach den Regeln des Glücksspiels? Das sind Fragen, die jeden nachdenklichen Menschen bedrängen. Wer aber tiefgreifende Antworten will, weil er mit den Erklärungsversuchen der Fernsehkommentatoren nicht zufrieden ist, sollte einen Blick in die Bibel werfen. Denn entgegen der üblichen Vorurteile lebt der biblische Glaube gerade nicht weltabgewandt im luftleeren Raum, sondern lebt in unmittelbarer Auseinandersetzung mit der Geschichte. Denn der Glaube selbst ist nichts anderes als der Entschluss, alle Geschichte von Gott her zu verstehen. Ob es die große Weltpolitik ist oder der eigene kleine Lebenslauf – der Glaube setzt alles in Beziehung zu Gott. Und wo die Vernunft dann urteilt, Geschichte sei das zufällige Produkt von menschlicher Größe und menschlicher Dummheit, da blickt der Glaube tiefer. Er erkennt, dass er es in aller geschichtlichen Wirklichkeit zuletzt immer mit Gottes zu tun hat – und mit niemand sonst: „Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.“ (1. Sam 2,6-7) So lesen wir es im Alten Testament. Und wir erkennen darin unschwer das Kennzeichnen biblischer Geschichtsbetrachtung, dass sie schlechthin alles Geschehen transparent werden lässt für die darin verborgen wirkende Hand Gottes. Oberflächlich betrachtet mischen sich im biblischen Geschichtsbild dieselben Faktoren, die wir auch aus den Tagesnachrichten kennen. Da gibt es aufsteigende Staaten und zerfallende Reiche, Helden und Schurken, Korruption und Verrat, Krieg und Frieden, Naturkatastrophen und Hunger, Fortschritt und grenzenloses Elend. All das finden wir auch in der Bibel. Aber die Bibel steht nicht ratlos davor, sondern sie zeichnet all diese Ereignisse entschlossen ein in den großen Gesamtrahmen göttlichen Handelns. Wie immer die Völker heißen mögen, die Könige und die Schauplätze – die Bibel geht doch davon aus, dass man es zuletzt immer und überall mit Gott zu tun hat. Denn nicht Josua eroberte das gelobte Land. Und nicht Nebukadnezar hat Israel daraus vertrieben. Sondern Gott hat es getan. Der Herr tötet und macht lebendig, er macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er belohnt und bestraft, er droht und lockt, er hindert und fördert. Aber er tut das eben nicht unmittelbar, sondern in der Regel mittelbar durch die Hand von Menschen und Völkern, die wissend oder auch unwissend zu Gottes Werkzeugen werden. Gott selbst muss dabei nicht in Erscheinung treten. Und darum sagt Luther sehr treffend, der Weltenlauf sei „Gottes Mummerei“. Ja, Gott führt sein Regiment verborgen unter Masken und Larven. Und eben deshalb ist es unmöglich, vom Lauf der Geschichte auf Gottes Willen zu schließen. Denn der weltgeschichtliche Mummenschanz verbirgt Gott viel mehr, als dass er ihn offenbarte. Gott ist zwar überall in der Geschichte tätig, aber er ist längst nicht überall greifbar. Er begegnet uns in allen historischen Fakten, aber er offenbart sich darin nicht, sondern in der Regel verbirgt er sich so tief unter Blut, Schweiß und Tränen, dass seine Barmherzigkeit gegen den Augenschein geglaubt werden muss. Deshalb muss man Gott schon kennen, um ihn in der Geschichte wiederzuerkennen. Und deshalb gibt es auch zur christlichen Betrachtung der Geschichte nur den einen Schlüssel, der Jesus Christus heißt. Denn Christus ist der eine Punkt der Geschichte, an dem man Gott packen kann, weil er genau dort gepackt werden will. Christus ist die einzige geschichtliche Gestalt, in der uns Gott ohne Maske gegenübertritt. In Christus ist Gott ganz er selbst. Und darum ist der Blick auf Jesus Christus ein tiefer Blick in Gottes Herz. Wer diesen Blick getan und gesehen hat, wieviel Liebe da ist, der weiß künftig mehr als alle Weltgeschichte ihm je hätte verraten können. Denn indem er Christus kennt, kennt er Gottes tiefste Gedanken – und kann von hier aus dann auch die Tiefendimension der Geschichte und ihr heilvolles Ziel ermessen. Vordergründig sieht ein Christ natürlich dasselbe wie alle anderen – nämlich ein wildes Handgemenge von Völkern, Rassen, Ideologien und Wirtschaftsmächten. Doch aus der Begegnung mit Christus weiß er, dass hinter all den Puppen, die Gott da tanzen lässt, als Generalthema der Geschichte etwas viel Ernsteres steht. Dahinter steht Gottes Ringen um seine Schöpfung, die sich dem Bösen zugewandt hat, und die unaufhaltsam vom Bösen zerfressen werden müsste, wenn Gott nicht zornig und barmherzig dazwischenträte. Menschen schlagen und vertragen sich. Sie gönnen sich zwischen den Kriegen auch mal eine Pause. Gott aber schließt keinen Frieden und er schließt keinen Kompromiss, sondern kämpft um jedes einzelne seiner Geschöpfe. Er ringt mit brennender Geduld um jede Seele. Und eben diese Beharrlichkeit Gottes ist das Geheimnis und der eigentliche Motor der Geschichte. Sie ist ihr verborgenes Thema, dessen man nicht innewerden kann, ohne dass Geschichtsbetrachtung in Selbsterkenntnis umschlägt. Der Mensch gewinnt dabei keine Einsicht in die konkreten Pläne Gottes – nein, das nicht. Warum gerade ihm der Keller voller Wasser läuft, warum gerade ihm seine Ehe gelingt, warum gerade er befördert oder gefeuert wird – das kann ihm durchaus verborgen bleiben. Aber er weiß als Christ trotzdem mehr als andere. Denn er weiß, dass alles, was ihm gegönnt oder zugemutet wird, ihm von Gott gegönnt oder zugemutet wird. Es ist kein blindes Schicksal, das ihn da mit Ereignissen bewirft, sondern es ist der Vater Jesu Christi, der es zuletzt nicht böse mit ihm meinen kann. Denn der Herr der Geschichte arbeitet nicht gegen seine Kinder, sondern er arbeitet an ihnen. Er kämpft nicht gegen sie, sondern um sie. Und das zu wissen ist nicht wenig, sondern ich meine, es müsste genügen, um einen Menschen mit seinem kurzen und oft verworrenen Leben zu versöhnen. Denn wir stehen zwar ungefragt auf der Bühne der Geschichte und sind uns über unsere Rolle genauso wenig im Klaren, wie all die anderen Akteure. Aber wir kennen den Regisseur, der die großen und die kleinen Fäden in der Hand behält, und können uns mit dem rätselhaften Drehbuch der Geschichte versöhnen, weil Gott es geschrieben hat und auch die Aufführung stets im Griff behält. Er versteht die Irrungen und Wirrungen, die wir nicht begreifen. Und er stellt uns mit Bedacht, auf unseren Platz im großen Welttheater, wo denn auch nichts geschieht, worin nicht Gott mittelbar wirksam wäre. Alle Akteure sind Gottes Masken und Larven. Und die falschen Alternativen, über die so viele Menschen stolpern, gibt es darum nicht. Menschen fragen, ob die Welt durch den Urknall oder durch Gott entstanden ist. Aber warum soll nicht beides zutreffen? Kann der Urknall nicht Gottes Werkzeug gewesen sein? Jeder von uns kann einen Hammer benutzen. Und wenn die Frage aufgeworfen würde, ob der Handwerker den Nagel eingeschlagen hat oder der Hammer, so würden wir darin sofort eine sinnlose Alternative erkennen. Denn der Handwerker hat es mit Hilfe des Hammers getan. Muss man da fragen, ob unser tägliches Brot aus der Bäckerei kommt – oder von Gott? Natürlich nimmt Gott Landwirte, Bäcker und Lebensmittelhändler in seinen Dienst, um seine Geschöpfe zu ernähren. Er bedient sich ja auch der Ärzte, um Menschen zu heilen. Er gebraucht Lehrer, um Menschen zu bilden, und Polizisten, um sie zu schützen. Hinsichtlich des Ertrages aber gilt, dass wir ihn nicht entweder den Menschen oder Gott verdanken, sondern ganz vorrangig unserem Gott, der durch Menschen das Erforderliche geschehen lässt. Wie der Maler seinen Pinsel benutzt, der Schreiner seine Säge und der Musiker sein Instrument, so nutzt Gott Personen, Mächte und Ereignisse. Sie sind seine Masken und Larven, wenn er inkognito handelt. Eben deshalb aber ist es kein Widerspruch, wenn wir die von Menschen geschriebene Bibel als Gottes Wort ansehen, oder den psychologisch beschreibbaren Glauben als ein Werk des Heiligen Geistes. Nur weil Eltern an der Entstehung ihres Kindes einen biologischen Anteil haben, hört es nicht auf Gottes Geschöpf zu sein. Wenn wir zu einem Naturereignis die „natürlichen“ Ursachen kennen, heißt das nicht, dass es keine Handlung Gottes sei. Und wenn ein Mensch stirbt, stirbt er auch nicht am Versagen irgendeines Mediziners, sondern allemal an dem Beschluss Gottes, hinter dieses Leben einen Punkt zu setzen. Als Christen wissen wir eben nicht nur um das Werkzeug, das uns trifft, sondern auch um die unsichtbare Hand die es führt. Wir unterscheiden durchaus zwischen dem Täter und dem Mittel seiner Tat. Aber zwischen beidem eine falsche Alternative aufzubauen, gibt es keinen Grund…