Das siebte Gebot

Du sollst nicht stehlen… 

 

Haben Sie mal überlegt, wer das Eigentum erfunden hat, und wer als erster sagte: „das ist meins“? Jeder weiß, was der Satz bedeutet! Und doch bleibt das mit dem Eigentum eine seltsame Sache. Denn dass man bestimmte Teile der Welt „besitzen“ kann, versteht sich gar nicht von selbst. Die Natur z.B. kümmert sich wenig darum. Es gibt zwar Tiere, die Duftmarken setzen. Sie verteidigen ihr Revier als den Lebensraum, den sie brauchen. Aber nur der Mensch geht hin, schlägt Pfähle in den Boden, baut einen Zaun und behauptet dieses Grundstück sei nun „seins“. Er fragt nicht die Erde und nicht die Bäume – und meint doch, er habe nun über diesen Teil der Schöpfung ein exklusives Verfügungsrecht. Er will das Land „besitzen“, so wie man einen Stuhl „besitzt“ und durch die eigene Präsenz für andere blockiert. Dabei ist dem Stuhl völlig egal, wer heute oder morgen auf ihm sitzt. Und die aktuelle Präsenz besagt wenig. Denn die Fische schwimmen ja auch im Meer herum. Und doch folgert keiner, das Meer würde den Fischen „gehören“. Die Pferde stehen auf der Weide. Und doch sind sie nicht „Eigentümer“ der Weide. Die Spatzen fliegen am Himmel. Aber deswegen „besitzen“ sie ihn nicht. Und wenn man sagt, der Wellensittich wohne in „seinem“ Käfig, ist das fast zynisch. Denn eigentlich „hat“ nicht der Wellensittich einen Käfig, sondern der Käfig „hat“ ihn. Steht die Tür aber offen, und die Katze erwischt ihn, fragt auch die Katze nicht erst, wem der Vogel gehört. Denn der Natur ist das ziemlich egal: da bedient sich jeder, wo er kann! 

Warum ist Eigentum dann aber für Menschen so wichtig? Es liegt wohl daran, dass wir in Gesellschaften leben, die nur geordnet funktionieren, wenn sie den Raub unterbinden und dem Eigentümer einer Sache das Verfügungsrecht garantieren. Wenn der Mensch angstfrei nutzen kann, was ihm gehört, trägt das zum Frieden bei. Es motiviert ihn zur Arbeit, wenn er um ihren Ertrag nicht fürchten muss. Und es ermöglicht ihm auch Vorräte anzulegen. Ohne Rücklagen könnte es schwer werden, den eigenen Lebensbedarf zu decken! Doch „habe“ ich etwas, dann „bin“ ich – und „kann“ auch etwas. Das Verfügungsrecht über mein Eigentum verleiht mir Macht. Und das erklärt dann schon die menschliche Gier, möglichst viel zu besitzen und am besten alles.

Wem aber gehört „alles“? Verteilen sich die Besitztümer dieser Erde auf eine Unzahl armer und reicher Leute? Ich bestreite das. Denn tatsächlich gehört die Welt genau so wenig den Menschen, wie den Fischen das Aquarium „gehört“. Dem Vogel „gehört“ nicht der Baum, auf dem er nistet. Und dem Pferd „gehört“ nicht die Weide, auf der es grast. Sondern Eigentümer der Welt ist und bleibt ihr Schöpfer, der sie gewollt, hervorgebracht und seitdem erhalten hat. Der 24. Psalm spricht das auch ganz direkt aus: „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen“ (Ps 24,1). Gottes Besitzanspruch steht felsenfest, weil aus dem Hervorbringen eines Werkes das Eigentum erwächst, und aus dem Eigentum auch das Verfügungsrecht. Oder ließe ein Künstler mit sich darüber diskutieren, ob das Kunstwerk, das er unter Mühen geschaffen hat, nach der Vollendung auch „seins“ ist? Welcher Handwerker baut wohl einen Wagen, schnitzt eine Figur oder schmiedet ein Eisen – und betrachtet das Erzeugte nicht hinterher als sein Eigentum? Wenn man bei Menschen aber noch Einschränkungen machen muss, weil sie Material brauchen und manchmal auf Bestellung arbeiten, fallen diese Einschränkungen bei Gott jedenfalls weg. Denn er hat die Welt ganz ohne Material oder Mitwirkung Dritter allein durch sein Wort aus „nichts“ geschaffen (vgl. 1. Mose 1). Die Welt verdankt sich gänzlich ihm und ist darum auch gänzlich „sein“. Sie ist der Garten, den er gepflanzt, und der Weinberg, um den er sich gemüht hat. Wir Menschen aber sind Gäste auf Gottes Grund und Boden und besitzen Güter nur in dem uneigentlichen Sinne, dass Gott uns erlaubt, Nutznießer zu sein. Menschen besitzen die Welt nur so, wie die Fische ihr Aquarium „besitzen“. Sobald die Fische sterben, macht der Eigentümer das Aquarium zum Lebensraum einer neuen Generation. Und Gott verfährt mit uns nicht anders. Denn dem Menschen ist alles nur so lange geliehen, bis der Schöpfer es zurückfordert (Hiob 1,21). Schauen Sie also ruhig mal auf ihre Schuhe. Wem gehören die? Eigentlich gehören sie Gott! Wenn Sie eine Brille tragen, ist die von Gott geliehen! Ihre Hose auch! Und selbst der Mensch in der Hose gehört nicht „sich“, sondern ist mit Haut und Haar Eigentum des Höchsten, der ihn geschaffen hat. Wir alle sind Gottes Eigentum und unterstehen darum seinem Verfügungs- und Weisungsrecht, von dem er in den Zehn Geboten auch nachdrücklich Gebrauch macht. Denn ohne ihn wären wir schließlich nicht da. Wir stehen wie Kühe auf Gottes Weide. Wir nisten wie Vögel in Gottes Bäumen. Wir sind Frösche in seinem Teich. Und das hat Konsequenzen für den Sinn und das Ziel unseres Lebens. Denn wie ein Schreiner dem Holz auf seiner Werkbank die Bestimmung gibt, ein Stuhl, ein Bett oder ein Tisch zu werden – genau so gibt der Schöpfer uns Menschen die Bestimmung, sein Ebenbild und Gegenüber zu sein (1. Mose 1,27). An der übrigen Natur hat Gott sicher auch Freude und bestimmt sie uns zum Lebensraum. Die besondere Bestimmung des Menschen ist aber, Gottes Gesprächspartner zu sein. Und für dessen leiblichen Bedürfnisse sorgt Gott, indem er den Menschen in einen fruchtbaren Garten setzt, den er bebauen, bewahren (1. Mose 2,15), und von dem er sich nähren kann (1. Mose 1,29; 9,3). Gott gewährleistet die verlässlichen Zyklen der Natur (1. Mose 8,22). Und diese immer neue Segnung wird vom Psalmisten auch dankbar besungen: 

„Du (Gott) feuchtest die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest. Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst, dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz schön werde vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke“ (Ps 104,13-15). 

Jesus ermuntert uns, den himmlischen Vater um das tägliche Brot zu bitten (Mt 6,11) und darauf zu vertrauen, dass er’s gerne gibt, weil er schließlich auch die Vögel ernährt und die Lilien auf dem Felde herrlich kleidet (Mt 6,25-34). Gott will uns die Erde keineswegs „übereignen“. Aber er stellt ihre Güter freundlich zur Verfügung, damit wir auf Gottes Grund und Boden arbeiten, wirtschaften und von den Erträgen leben können. Denn so wäre für alle gesorgt, und jeder könnte satt werden – wenn nicht des Mensch Sünde und Torheit Gottes gute Ordnung ins Gegenteil verkehrte. Denn das liegt natürlich nicht in des Schöpfers Absicht, dass uns das Streben nach Geld und Gut zum Lebensinhalt wird, und angehäufter Besitz uns derart in Sicherheit wiegt, dass wir über dem Reichtum der Gaben den Geber vergessen (Lk 12,16-21)! Keineswegs soll der Mensch dem Besitz dienen, sondern der Besitz dem Menschen, und der Mensch seinem Gott! Als vernunftbegabte Kreaturen sollen wir auf unseren Schöpfer fokussiert sein und den Gütern der Welt nicht mehr Bedeutung beimessen, als dass sie der Freundlichkeit Gottes Ausdruck verleihen! Wir dürfen sie nutzen und genießen. Aber unser Herz sollen wir nicht an die Dinge hängen, sondern an den, der sie geschaffen hat. Und wo wir das umdrehen, wird der materielle Segen sehr schnell zum Fluch. Denn die überschätzten Güter verhindern dann jenes auf Gott hin orientierte Leben, das sie eigentlich ermöglichen sollen (Mt 19,16-26). Gierige Menschen hamstern und horten mehr als sie jemals brauchen. Es kommt zu einer ungerechten Verteilung der Güter. Statt dass alle satt werden, bekommt einer zu viel und der andere zu wenig. Und über dieser Schieflage vergessen beide ihren Schöpfer. Denn wie kann ein Mensch seine Seele zu Gott erheben, wenn seine Kinder hungern, und die blanke Not seine Gedanken beherrscht? Und wie kann der andere seine Seele zu Gott erheben, während er in Überfluss schwelgt, und Genuss und Reichtum ihn in falscher Sicherheit wiegen? Die Sorge des einen und der Konsum des anderen binden Aufmerksamkeit, die Gott gebührt! Und so bringen uns dann Not und Überfluss vom Ziel ab. Denn eigentlich sollen wir ja bloß „von“ den Dingen und nicht „für“ die Dinge leben. Wir dürfen sie gebrauchen, aber nicht lieben. Sie können uns dienen, sollen uns aber nicht beherrschen. Und diese untergeordnete Rolle behielten die irdischen Güter am ehesten, wenn jeder Mensch zuverlässig genug, aber auch nicht viel darüber hinaus hätte.

Nun – wie man die Weltwirtschaft ordnen muss, damit der gottgegebene Reichtum gerecht verteilt wird, ist nicht leicht zu sagen. Doch dass Gottes Zielsetzung dabei auch unsere sein muss, kann unter Christen kaum strittig sein. Denn unser Umgang mit dem anvertrauten Hab und Gut ist jederzeit an der Absicht des Eigentümers zu orientieren. Gott will, dass alle (!) Gäste seines Tisches gut versorgt werden. Und alles menschliche Wirtschaften ist so einzurichten, dass es dieser Intention des Schöpfers gerecht wird. Denn schließlich verarbeitet kein Industrieller etwas anderes als Gottes Eigentum, und kein Kaufmann handelt mit etwas anderem als mit Gottes Besitz. Wir sind alle nur Verwalter seiner Güter und schulden ihm Rechenschaft (Lk 19,11-27). Da er seinen Reichtum aber spendet, um seine Geschöpfe damit zu ernähren, fordert die Bibel sozial gerechte Verhältnisse, in denen auch Arme, Alte, Witwen und Waisen auskömmlich versorgt werden. Gottes Wort trifft Regelungen, die eine Anhäufung von Landbesitz in den Händen Einzelner verhindern! Keiner soll um seinen Anteil am gelobten Land betrogen werden! Keiner soll langfristig eine Lebensgrundlage entbehren (vgl. 3. Mose 25)! Und das heißt aktuell: eine Weltwirtschaft, in der wenige Menschen auf Kosten vieler reich werden, ist mit dem Willen Gottes nicht vereinbar. Der Schöpfer lässt genug Nahrungsmittel wachsen, um alle Menschen satt zu machen. Und er kann nicht einverstanden sein, wenn wir seine gute Absicht durch die ungerechte Verteilung seiner Güter und Gaben vereiteln.

Allerdings nützt es nichts, das als globale Forderung an die „Politik“ zu adressieren, wenn man sich nicht auch persönlich prüft. Denn auch wir verwalten Hab und Gut und werden durch das siebte Gebot ermahnt, das Raffen und Hamstern auf Kosten anderer zu unterlassen. „Du sollst nicht stehlen“ (2. Mose 20,15) heißt: Wir haben den Besitz eines anderen Menschen nicht anzutasten, sondern zu respektieren als das Mittel und Instrument, durch das Gott diesen Menschen versorgen, erhalten und schützen will. Was mein Nächster besitzt und wovon er seine Familie nährt, ist Segen, der ihm von Gott her zufließt. Und wie stünde mir zu, meinen Nächsten um einen Segen zu bringen, den Gott ihm gönnt? Ob ich‘s ihm gierig entreiße, beschädige oder stehle, ihn kriminell betrüge oder auf legalem Wege übervorteile, macht dabei keinen großen Unterschied. Denn so oder so bringe ich an mich, was Gott dem anderen zugedacht hat. Ich schmälere seine Lebensgrundlage, um meine zu erweitern. Und ertappt man mich nicht, bin ich dennoch ein Dieb. Denn „du sollst nicht stehlen“ schließt alles ein, wodurch ich einem anderen den Freiraum und die Mittel zum Leben nehme. Ob man ihn über den Tisch zieht, ihm ungünstige Verträge aufschwatzt, sein Vermögen verringert, sein Vertrauen missbraucht oder seine Güter veruntreut – das alles ist mitgemeint, auch wenn es „legal“ sein sollte. Denn der Arbeitgeber, der seinen Leuten zu geringen Lohn zahlt, stiehlt ihnen etwas von ihrer Arbeitskraft. Und umgekehrt ist der faule Arbeiter, der den vollen Lohn nimmt, ohne die volle Arbeit zu leisten, kein bisschen besser. Wer zu viel gezahltes Wechselgeld in die Tasche steckt oder einen Versicherungsschaden größer aussehen lässt, wer das Finanzamt beschummelt oder schwarz mit der Bahn fährt, ist allemal ein Dieb. Wenn ein Handwerker bei der Arbeit pfuscht, wenn die Bank Wucherzinsen nimmt oder eine Werkstatt Arbeiten berechnet, die nicht ausgeführt wurden – es läuft alles auf dasselbe hinaus. Wer mit so etwas aber zu Wohlstand kommt, ist nicht etwa „clever“, sondern „dumm“, denn er macht sich Gott zum Feind. 

Schon wer Reichtum erbt, muss sich fragen, ob nicht irgendwo auf der Welt Menschen darben, weil er hortet, wovon sie leben könnten! Wer aber Vermögen anhäuft, indem er andere übervorteilt, muss nicht erst fragen, sondern kann sicher sein, dass er Gottes Eigentum der gottgewollten Bestimmung entzieht. Durch solchen Missbrauch kommen der Buchstabe und der Geist des siebten Gebots in Konflikt, weil dann der Schutz des Privateigentums der auskömmlichen Versorgung aller entgegensteht. Und wenn dann einem „Robin Hood“ der Geist des Gebotes wichtiger scheint als der Buchstabe, so dass er den Reichen nimmt, um den Armen zu geben, kann man ihn deswegen kaum schelten. Denn mit welchem Recht beansprucht ein Reicher, was er zum eigenen Lebensunterhalt gar nicht braucht? Ist nicht jeder Cent in seiner Tasche ein Teil von Gottes großem Vermögen – und also auch in Gottes Sinne zu verwenden? Oder könnte man im Zweifel sein, was „in Gottes Sinn“ meint? Länder und Rohstoffe, Gelder und Güter sollen die materielle Basis sein, die es allen Menschen ermöglicht, als Gottes Ebenbilder von Gott her und auf ihn hin zu leben. Der Schöpfer will die Seinen versorgt sehen, weil wir in materieller Not zu Sklaven unserer Bedürfnisse werden und den Kopf nicht frei haben für das höhere Leben, zu dem wir bestimmt sind. Wer das dazu Erforderliche aber anderen wegnimmt, um es für sich selbst zu „bunkern“, entzieht es seiner Bestimmung, und ist (wenn nicht vor der Justiz, so doch zumindest vor Gott) ein Dieb.

Nicht zuletzt verkennt so einer den Sinn seines Daseins. Denn auch er wurde auf Gott hin geschaffen und sollte sich der irdischen Güter nur so weit bedienen, wie sie ihm auf seinem Weg zu Gott nützen können. Sobald er aber mehr in ihnen sieht als dazu brauchbare Mittel, werden die Diener zu Herren und machen den Menschen zum Knecht. Gierig entleert er seine Seele, um sein Konto zu füllen, wird immer ärmer, je mehr er sich bereichert, und ist am Ende vom Besitzen besessen. Kann man aber sagen, so einer sei „unbescheiden“? Recht betrachtet ist er eher zu „bescheiden“. Denn er gibt sich mit Geld zufrieden, statt das viel bessere und höhere Gut zu begehren, das Gott selber ist. Er sammelt Schätze, die vergänglich sind, und verliert darüber jene, die ewig sind (Matth 6,19-21). Er verkauft seine Seele, um als reicher Mann innerlich arm zu sterben. Der christliche Weg ist aber der umgekehrte – dass man sich nämlich auf Erden daran genügen lässt, wenn man satt wird, und im Übrigen (den irdischen Plunder verachtend) ganz unbescheiden nach himmlischen Gütern strebt. Auf diesem Weg macht man das bessere Geschäft. Denn wie sagte Jim Elliot so schön? „Der ist kein Narr, der hingibt, was er nicht behalten kann, um zu gewinnen, was er nicht verlieren kann.“ Dass wir’s aber nicht nur einsehen, sondern auch beherzigen und dann jedem das Seine neidlos gönnen, dazu helfe uns Gott.

 

In die einsame, stille, freie Gottheit trage deinen unnützen, hässlichen Seelengrund,

der überwachsen ist mit Unkraut, ledig alles Guten, und voll der wilden Tiere.

Gott entgegen trage deine Finsternis, die allen Lichtes entbehrt,

und lass ihn dich erleuchten.   ( J. Tauler )