Eine Gewissheit, die auf Erfahrung beruht, wird nicht dadurch zweifelhaft, dass diese Erfahrung anderen Menschen fehlt. Denn es stimmt nicht, dass nur wirklich sei, was jedem Menschen jederzeit als wirklich demonstriert werden kann. Manches erfährt man nur zu bestimmten Zeiten, nur an bestimmten Orten oder nur mit besonders scharfen Augen! Auch der Glaube resultiert aus einer Erfahrung, die nicht jeder macht. Er verdankt sich nicht der Vernunft, ist aber auch nicht gegen die Vernunft, sondern bloß über der Vernunft – und daher keineswegs unvernünftig.                                                                                                              zum nächsten Video

 

Ist Glaube irrational?

Wer sich heute zum Glauben bekennt, wird von Außenstehenden oft verdächtigt, er müsse wohl ein bisschen dumm sein. Denn, so sagen sie, wer an Gott glaube, der tue ja etwas ganz Irrationales, der verlasse sich auf etwas, wofür er keine Beweise habe, und folge dabei irgendwelchen subjektiven Gefühlen. Das sei doch offenkundig unvernünftig, sagt man, es sei mehr Wunschdenken als Vernunft dabei, und es sei darum eher etwas für naive Gemüter oder (direkter gesagt:) für Dumme, die unkritisch und leichtgläubig sind. Trifft das die Gläubigen? Kränkt es sie? Und – stimmt es denn? Ist es irrational, etwas zu glauben, was man anderen nicht beweisen kann? Ich will das überprüfen und erzähle Ihnen dazu eine kleine Geschichte, die ich kürzlich bei August Strindberg gelesen habe, nämlich die Geschichte vom „Wiedehopf auf Siarö“:


„Johannes befand sich einmal auf einer Wanderung und kam an einen Wald. In einem alten Baum fand er ein Vogelnest mit sieben Eiern, die denen des Mauerseglers glichen, doch dieser Vogel legt nur drei Eier, also war es nicht sein Nest. Da Johannes ein großer Eierkenner war, sah er bald, dass es das Ei des Wiedehopfes war, und er sagte sich: Der Wiedehopf muss hier in der Nähe sein, ob­wohl die Bücher behaupten, dass er hier nicht vorkomme. Nach einer Weile hörte er wie erwartet die berühmten „upp, upp, upp“ des Vogels und da wusste er, dass „Upupa“ da war. Er versteckte sich hinter einem Stein und bald sah er den gesprenkelten Vogel mit seinem gelben Kamm. Als er nach drei Tagen nach Hause kam, erzählte er seinem Lehrer, dass er auf Siarö den Wiedehopf gesehen habe. Der Lehrer glaubte es nicht, sondern forderte Be­weise. „Beweise?“, sagte der Junge, „Meinen Sie zwei Zeugen?“. „Ja!“ – „Gut, ich habe zweimal zwei Zeugen, und die stimmen überein: Meine zwei Ohren haben ihn gehört, und meine zwei Augen haben ihn gesehen.“ „Mag sein, aber ich habe ihn nicht gesehen“, erwiderte der Lehrer. Johannes bekam den Namen Meisterlügner, weil er nicht beweisen konnte, dass er da und da den Wiedehopf ge­sehen hatte. Aber es war gleichwohl eine Tatsache, dass der Wiedehopf dort vorkam, wenn es auch ein ungewöhnlicher Fall war für diese Gegend…“


Nun – diese kleine Geschichte ist ziemlich alltäglich. Und doch kann sie uns helfen, das Verhältnis von Erfahrung und Vernunft zu klären. Denn es fragt sich ja, wer in dieser Geschichte irrational handelt, und wer vernünftig. Handelt der Schüler Johannes irrational, weil er fest daran glaubt, dass es auf Siarö den Wiedehopf gibt, obwohl er das dem Lehrer nicht beweisen kann? Oder handelt der Lehrer irrational, weil er den Jungen zum Lügner stempelt, bloß weil der Lehrer auf jener Insel nicht dabei war und darum nicht dasselbe sehen konnte wie Johannes? Kann man wirklich von einem Schüler verlangen, er möge glauben, was in den Büchern steht, wenn er doch mit eigenen Augen etwas anderes gesehen hat? Ich vermute, man wird in dieser Sache die Partei des Schülers ergreifen. Denn es ist ja nicht vernünftig oder rational, auf die bloße Autorität eines Schulbuches hin die eigene Erfahrung zu leugnen. Genau das ist schließlich der Sinn der Aufklärung gewesen, dass sie den Menschen ermutigt, sich seines Verstandes zu bedienen! Und wenn Johannes weiß, wie die Eier des Wiedehopfes aussehen, wie sein Ruf klingt und wie sein Gefieder gefärbt ist, dann sollte er selbstbewusst seiner eigenen Wahrnehmung vertrauen, und nicht der Autorität eines Schulbuchs. Nun kann der Lehrer natürlich darauf verweisen, dass außer Johannes noch nie jemand den Vogel auf dieser Insel gesehen hat. Die Erfahrung des Schülers ist „subjektiv“ in dem Sinne, dass nur er sie gemacht hat. Es gibt keinen zweiten Zeugen, der sie bestätigen könnte, und natürlich gibt es Täuschungen. Der Junge kann dem Lehrer an seiner Wahrnehmung auch nicht anders Anteil geben, als dass er versichert, den Vogel klar und deutlich gesehen zu haben. Die Sache bleibt „subjektiv“ in dem Sinne, dass der Wiedehopf nicht vorgeführt werden kann. Aber wenn die Beobachtung „subjektiv“ ist und nicht zu beweisen, ist dann etwa der Vogel „subjektiv“ gewesen? Natürlich nicht! Der Wiedehopf ist entweder „objektiv“ da, oder „objektiv“ nicht da. Denn so ein Vogel wird ja nicht davon realer, dass ihn viele Menschen sehen! Hätte keiner den Wiedehopf gesehen, so hätte das seiner Existenz auf Siarö keinen Abbruch getan. Und hätte ihn eine ganze Schulklasse gesehen, wäre der Vogel davon auch nicht realer geworden. Der Lehrer aber begeht einen logischen Fehler, wenn er Johannes nur deshalb zum Lügner erklärt, weil er als Lehrer die Erfahrung des Schülers nicht teilt. Denn er setzt damit ja voraus, dass überhaupt nur wirklich sei, was jedem Menschen jederzeit als wirklich demonstriert werden kann. Und das stimmt weder in diesem noch in einem anderen Fall! Johannes hat keinen Grund, seiner eigenen Beobachtung zu misstrauen, sondern sie verschafft ihm eine „subjektiv“ völlig ausreichende Gewissheit. Wenn aber andere nicht dieselbe Gewissheit haben, weil sie nicht im richtigen Moment auf Siarö waren, und seiner Aussage nicht glauben – warum sollte das den Johannes verunsichern? Wenn nur real sein sollte, was alle Menschen gleichzeitig erfahren, so müsste man sehr viel anzweifeln! Denn Manches erfährt man nur zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten – oder nur mit besonders scharfen Augen. Sollte also ein scheuer Vogel nur dann als „wirklich“ gelten, wenn ausnahmslos jeder Inselbewohner ihn sehen kann? Das wäre doch wohl eine überzogene Forderung. Und darum verfährt auch der Lehrer nicht rational, sondern sehr irrational, wenn er den Wiedehopf auf Siarö nur deshalb ausschließt und bestreitet, weil er ihn dort noch nicht gesehen hat. Es wäre ja auch nicht rational, wenn ein Blinder die Existenz von Farben bestreiten wollte, bloß weil er sie nicht sehen kann! Was aber, wenn es sich mit dem Glauben an Gott genauso verhielte? Tatsächlich entspricht die Situation gläubiger Menschen ziemlich genau der des Johannes in unserer Geschichte. Denn auch Gott ist (wenn ich so sagen darf) ein „seltener Vogel“, der sich nicht jedem zeigt und nicht überall. Die Bibel sagt ausdrücklich, dass der menschliche Geist von Gott und den göttlichen Dingen so gut wie nichts versteht. Gott muss sich zeigen, er muss sich offenbaren, um den Menschen die Erfahrung Gottes zu schenken. Und wenn er das tut, und durch seinen Heiligen Geist Gotteserfahrung wirkt, dann ist das wie in unserer Geschichte ein ziemlich “subjektive“ Sache. Denn wie Gott unsere Herzen berührt und verwandelt, wie er unser Denken verändert und unsere Zweifel vertreibt, das ist Außenstehenden nur schwer mitzuteilen. Es ist ein intensives inneres Erleben, das ich anderen nicht vorführen oder demonstrieren, sondern nur bezeugen kann. Niemand kann Gott herumzeigen, wie auch Johannes seinen Wiedehopf nicht herumzeigen konnte! Aber sind wir deswegen etwa nicht berechtigt, persönliche Gewissheit zu haben und uns dran zu freuen? Das religiöse Erleben mag ja „subjektiv“ sein wie die Wahrnehmung des Schülers auf Siarö, aber die wahrgenommene Wirklichkeit ist trotzdem „objektiv“. Denn Gott wird nicht realer davon, wenn viele ihn erfahren, und es bräche seiner Realität auch nichts ab, wenn es ganz wenige wären. Nur: Die Gott auf die eine oder andere Weise erfahren, sind gar nicht wenige, sondern es sind sehr viele. Und darin ist unsere Lage viel günstiger als die des einsamen Schülers. Denn der hat nur sich selbst zum Zeugen. Wir Gläubigen aber können darauf verweisen, dass 85% der Weltbevölkerung, einer Religion angehören – dass also sehr viele auf irgendeine Weise Gott begegnet sind und das durch ihren Glauben bezeugen. Das entspräche der Situation, wenn 85% der Einwohner von Siarö bekundeten, dass sie den Wiedehopf schon mal auf ihrer Insel gesehen oder gehört hätten! Und wäre es da nicht ziemlich absurd, wenn ein Lehrer die alle zu Lügnern erklären wollte, bloß weil er selbst zu den 15 % gehört, denen sich der Wiedehopf noch nicht gezeigt hat? Ist die Existenz des Wiedehopfes etwa solange ausgeschlossen, bis ihn restlos alle gesehen haben? Sollten etwa die, die Gott erfahren haben, nicht zuversichtlich ihrer Erfahrung trauen dürfen, bloß weil es Atheisten gibt, die diese Erfahrung noch nicht gemacht haben? Dürfen wir uns etwa nicht an Farben freuen, bloß weil es Blinde gibt, die sie nicht sehen? Dürfen wir nicht tanzen, bloß weil es Taube gibt, die unsere Musik nicht hören? Ist das etwa rational, wenn man der eigenen Erfahrung misstraut, bloß weil vermeintliche Autoritäten dagegen sprechen? Nein! Aufklärung heißt ja gerade, dass ich mich meines Verstandes selbst bediene, ohne dazu die Anleitung Anderer zu brauchen. Wenn meine Augen einen Wiedehopf erkennen, ist es nur vernünftig, die Existenz dieses Vogels zu behaupten. Und wenn mein Herz von Gott angerührt und erweckt wird, dann ist es nicht irrational, sondern sehr rational, daraufhin an Gott zu glauben. Was ich selbst erfahre, ist mir Beweis genug. Um Gewissheit zu haben, ist es nicht nötig, dass jeder andere dasselbe erfährt. Oder sollte jener Schüler seinem Erlebnis erst trauen, wenn der Lehrer dasselbe erlebt? Darf Johannes seinen Augen erst trauen, wenn der Wiedehopf im Schulbuch steht? Nein. Ein denkender Mensch zieht selbst seine Schlüsse. Und darum ist es auch keineswegs irrational, an Gott zu glauben, bloß weil man ihn den anderen nicht beweisen kann. Denn man denkt schließlich nicht mit dem Kopf der Anderen, sondern mit seinem eigenen. Natürlich muss man den Ungläubigen dasselbe zuzugestehen. Wir verlangen von ihnen nicht, sie sollten allein auf unser Zeugnis hin glauben! Aber sie sollten auch nicht erwarten, dass wir nicht überzeugt sein dürfen, weil sie es nicht sind. Niemand verlangt vom Lehrer, aufgrund einer fremden Erfahrung schon überzeugt zu sein! Aber es ist auch vom Schüler zuviel verlangt, wenn er zweifeln sollte, bloß weil sein Lehrer es tut. Nein! Es ist das Recht jedes denkenden Menschen, aus der eigenen Erfahrung Folgerungen zu ziehen. Wenn einer dann aber aus religiösen Erfahrungen religiöse Folgerungen zieht, sollte man es ihm nicht ausgerechnet im Namen der Rationalität verbieten wollen. Und sein Glaube ist auch keineswegs in das Reich der bloß subjektiven Gefühle zu verweisen. Denn Gott ist ebenso wenig subjektiv, wie ein Wiedehopf subjektiv sein kann. Gott ist entweder objektiv „da“, oder nicht „da“. Ist er aber da, so ist es für sein Dasein völlig egal, ob ihn zwei Menschen erfahren, fünf, hundert, Millionen oder keiner. Gott verschwindet nicht davon, dass Atheisten ihn leugnen. Aber genau das scheint sie zu kränken. Denn manche bestehen erbittert darauf, dass nichts wahr sein könne, was den Wahrnehmungshorizont der menschlichen Vernunft übersteigt. Und sie verlangen auch von anderen, das anzuerkennen. Sie unterstellen, die Wirklichkeit müsse da zu Ende sein, wo die natürliche Einsicht endet. Und sie fordern, dass niemand Erfahrungen machen und das Erfahrene als wahr bezeugen dürfe, wenn seine Erfahrung sich aus anderen Quellen speist als aus der Alltagsvernunft, die alle Menschen gemeinsam haben. Aber ist nicht gerade das irrational, wenn man das menschliche Erkenntnisvermögen zum Maßstab des Wirklichen erhebt? Nur weil Atheisten Gott noch nicht erfahren haben, soll jeder ein Träumer sein, der es tut. Doch was ist das für eine absurde Logik? Muss man Musik beargwöhnen, bloß weil es unmusikalische Menschen gibt, denen die Schönheit einer Melodie auf keine Weise „bewiesen“ werden kann? Oder ist die Schönheit der Musik weniger „wirklich“, bloß weil nicht jeder Sinn dafür hat? Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen – sagt Lichtenberg – und es klingt hohl, dann muss das nicht am Buch liegen. Es kann auch am Kopf liegen! Und wenn eine wissenschaftliche Methode den untersuchten Gegenstand nicht erfassen kann, dann spricht das nicht gegen den Gegenstand, sondern viel eher gegen die Methode. Wenn ich ein Thermometer nehme und es mir nicht gelingt, damit die Windstärke zu messen, heißt das nicht, dass kein Wind weht. Und wenn ich mit einem Zollstock hantiere um die Temperatur zu messen, erfahre ich auch nicht, ob heute ein heißer Tag ist. Es liegt nicht am Thermometer und nicht am Zollstock, wenn ich sie für Zwecke einsetze, für die sie nicht gemacht sind! Und so wird man auch der menschlichen Vernunft nicht vorwerfen, dass sie Gott nicht erkennt. Denn der Fehler liegt auch hier nicht im Werkzeug, sondern liegt bei dem Menschen, der darauf besteht, das Werkzeug der Vernunft auf einen Gegenstand anzuwenden, für den es nicht geschaffen ist, und der dann (wenn bei dieser Anwendung nichts herauskommt) folgert, den Gegenstand „Gott“ gäbe es gar nicht… Ein kluger Mann hat das veranschaulicht, indem er das naturwissenschaftliche Denken unserer Zeit mit einem Meeresforscher verglich, der den Ozean befährt und überall sein Netz auswirft, um die Lebensformen im Meer zu erforschen. Nach vielen Fischzügen und gewissenhaften Überprüfungen entdeckt er ein Grundgesetz seiner Meereskunde, das besagt, dass alle Fische größer sind als fünf Zentimeter. Er nennt diese Aussage ein Grundgesetz, weil sie sich ohne Ausnahme bei jedem Fang bestätigt. Er hat nie etwas aus dem Meer gezogen, was kleiner als fünf Zentimeter gewesen wäre! Ein kritischer Beobachter aber, will dieses Grundgesetz nicht anerkennen und wendet ein, dass es im Meer sehr wohl Fische gibt, die kleiner als fünf Zentimeter sind, dass der Meeresforscher sie aber mit seinem Netz nicht fangen konnte, weil sein Netz eben eine Maschenweite von fünf Zentimetern hat! Der Meeresforscher kratz sich am Kopf, gibt sich aber keineswegs geschlagen, sondern antwortet: „Was ich mit meinem Netz nicht fangen kann, liegt prinzipiell außerhalb des fischkundlichen Wissens und ist daher reine Spekulation. Für mich als Meeresforscher gilt: Was ich mit meinem Netz nicht fangen kann, ist kein Fisch.“ Es ist offenkundig, dass der Atheismus ganz ähnlich argumentiert, wie dieser Meeresforscher. Denn er besteht darauf, dass nur, was mit dem Netz der Vernunft gefangen werden kann, auch wirklich sei, und dass alles, was damit nicht gefangen werden kann, für vernünftige Menschen uninteressant ist. Relevant soll überhaupt nur das sein, dessen sich die Vernunft bemächtigen kann, was sich ihr aber entzieht, ist nichts, ist nicht – oder zumindest gleichgültig. Nur die Methode des Erkennens, die vom Menschen ausgeht, soll legitim sein. Und was jenseits ihrer Reichweite liegt, wird mit Missachtung gestraft. Doch ist diese Haltung nicht überzeugender, als die unseres Meeresforschers. Denn wenn vernunftbegabte Menschen nicht damit rechnen, dass ihre Vernunft Grenzen hat, dann ist das ausgesprochen unvernünftig. Man versteht durchaus, wie Atheisten zu dieser Einstellung kommen! Wenn ich nichts besitze als nur einen Hammer, dann habe ich Probleme im Umgang mit Schrauben und wünsche mir, die Welt würde aus Nägeln bestehen. Wenn ich nur einen Schraubenzieher besitze, habe ich hingegen Probleme mit Nägeln und wünsche mir, die Welt würde aus Schrauben bestehen. Doch aus diesem Wunsch heraus zu dekretieren, es gäbe das gar nicht, was meine Methode überfordert, ist nur eine Ausflucht. Denn tatsächlich gibt es nicht nur eine legitime Art der Erkenntnis, sondern mindestens zwei: Es gibt eine aktives Erkennen, durch das sich der Erkennende des Erkannten bemächtigt, es begreift, durchschaut und damit in seine Gewalt bringt. Aber es gibt daneben auch noch ein passives Erkennen, bei dem der Erkennende durch den massiven Eindruck des Erkannten überflutet, überwältigt und in seinem Wesen gewandelt wird. Bei der ersten Form hat der Mensch die Kontrolle, bei der zweiten kontrolliert ihn sein Gegenüber. Und wer darüber nachdenkt, wird leicht einsehen, dass nur die zweite Form der Erkenntnis der so ungleichen Beziehung von Gott und Mensch angemessen sein kann. Wir wissen von Gott nur, was er uns wissen lässt, und wissen auch das nicht durch die zugreifende Erkenntnis, die vom menschlichen Geist ausgeht, sondern nur durch Gottes eigenen Geist. Wer dessen Wirken nicht an sich selbst erfährt, wird schwerlich begreifen, wovon die Gläubigen reden – und niemand wirft ihm das vor. Er muss so skeptisch sein wie jener Lehrer, der den Wiedehopf auf Siarö nicht selbst gesehen hat – oder er wird starrsinnig sein wie jener Meeresforscher, dem so viel durch die Maschen seines Netzes ging. Damit wir aber nicht unablässig aneinander vorbei reden, sollten diese Menschen ernst nehmen, was der christliche Glaube von sich selbst sagt: „Der Glaube ist kein Werk der Vernunft“, sagt J. G. Hamann, „und kann daher auch keinem Angriff derselben unterliegen, weil Glauben so wenig durch Gründe geschieht als Schmecken und Sehen.“ Machen sich Christen also der Dummheit verdächtig? Handeln sie irrational, wenn sie sich auf etwas verlassen, wofür es keine Beweise gibt? Nein! Denn der Glaube ist nicht gegen die Vernunft. Er ist bloß über der Vernunft. Und darum keineswegs unvernünftig.