Das dritte Gebot

Du sollst den Feiertag heiligen… 

 

Was meinen Sie? Welches der Zehn Gebote wird heute wohl am seltensten verstanden und am häufigsten ignoriert? Ich würde auf das dritte Gebot tippen. Denn der Forderung, den Feiertag zu heiligen, stehen die meisten Menschen ziemlich verständnislos gegenüber. „Was geht’s denn Gott an, wie ich mein Wochenende gestalte?“ würde mancher sagen. „Wenn ich arbeiten will, warum soll ich nicht arbeiten? Und wenn ich faulenzen will, warum soll ich’s nicht tun? Muss man denn sonntags in die Kirche rennen, um ein guter Mensch zu sein?“ Die gebotene Ruhe, die Gott durchaus als Wohltat meint, wird als Zumutung empfunden. Und während man beim Lügen, Stehlen oder Ehebrechen immerhin ein schlechtes Gewissen hat, fällt das beim dritten Gebot schon weitgehend aus. Denn wer keine Lust auf „Besinnung“ hat, muss ja irgendwie anders die gähnende Langeweile des Sonntags bekämpfen. Wenn die Geschäfte schon nicht offen haben, besucht man eben Verwandte, erledigt Schreibkram, surft im Internet, bügelt, räumt auf, wandert, reist, liest, schaut Filme oder pflegt Hobbys. Es fällt schon jedem etwas ein, um sich nach der Arbeitswoche mit etwas Vergnügen zu entschädigen! Dass der Sonntag dafür aber nicht geschaffen wurde – wen kümmert das? Die biblische Begründung ist nicht mehr geläufig. Und wenn man darauf hinweist, dass der Sonntag laut Grundgesetz „als Tage der Arbeitsruhe“ der „seelischen Erhebung“ dienen soll, erntet man Gelächter. Denn „seelische Erhebung“ – was mag das wohl sein? 

Als Christ muss man die Antwort nicht schuldig bleiben. Denn die Heiligung des Feiertags besteht wirklich darin, dass man seine Seele zu Gott „erhebt“ und sie ihm gewissermaßen „entgegen hebt“. Das aber nicht, weil Gott das bräuchte oder viel davon hätte, sondern weil unsere Seele das braucht und ohne den regelmäßigen Kontakt mit Gott verkommt. Die Seele soll sich am Sonntag aller Ablenkung durch Arbeit oder Vergnügen entziehen, damit sie ruhen kann in Gott. Und umgekehrt soll auch Gott in der Seele ruhen und dort Ruhe haben, damit er Gelegenheit bekommt, an der Seele sein gnädiges, reinigendes und heilendes Werk zu tun, durch das der Mensch zur Gemeinschaft mit Gott immer tüchtiger und in dieser Gemeinschaft gefestigt wird. Das Ruhen der Seele in Gott ist also nötig, damit Gott in der Seele wirken kann. Gott und die Seele sollen miteinander Zeit verbringen! Es kann aber keine Seele in Gott ruhen, wenn sie gleichzeitig mit Arbeit oder Vergnügen beschäftigt ist. Sondern nur dann bietet sie sich Gottes Wirken dar und „erhebt sich“ ihm entgegen, wenn sie Muße hat, Gottes Wort zu hören und es still zu bedenken, es mit anderen zu besprechen und auf sich selbst anzuwenden, auch die Konsequenz zieht, in Gesang und Gebet auf Gottes Wort zu antworten und im Lichte des Erkannten sich selbst und das tägliche Tun neu zu bewerten. Wer sich aber wundert, dass dazu ein ganzer Tag nötig sein soll, schaue hinüber in andere Lebensbereiche! Denn wie ist es da? Kann der Automechaniker etwa bei laufendem Motor einen Kolben tauschen? Muss er für solche Arbeiten nicht den Motor ausmachen? Oder kann der Arzt einen Patienten operieren, wenn der nicht stillhält, sondern im Zimmer umherläuft? Kann man wohl einem galoppierenden Pferd die Hufe reinigen? Oder repariert man ein Flugzeug, während es in der Luft ist? Kann man eine Hose gut waschen, während man sie trägt? Oder betankt man sein Auto während der Fahrt? Kann ich jemandem zuhören, während ich selbst rede? Erfordert nicht auch das eine Unterbrechung des laufenden Betriebs? Immer ist eine Pause erforderlich! Und im Grunde wissen das auch alle. Die Frauen wissen sehr gut, dass sie beim Nägellackieren nicht gleichzeitig mit etwas anderem hantieren dürfen! Und beim Friseur halten sie auch schön still, weil sonst die Frisur nicht gelingt! Jeder versteht, dass er beim Zahnarzt mit dem Bohrer im Mund nicht herumzappeln soll! Gott aber – allein der soll für das gute Werk an unserer Seele keine Zeit beanspruchen? Der soll uns nicht für einen Tag unterbrechen und uns Stille verordnen? Der soll die Revision unserer Seele im laufenden Betrieb erledigen, während wir den Rasen mähen, telefonieren und fernsehen? Das widerspricht aller Erfahrung! Denn wenn ich mir einen Holzsplitter unter die Haut reiße, und jemand soll ihn herausziehen, dann muss ich ihm das entsprechende Körperteil auch hinhalten und überlassen! Und wenn ich dabei keine Ruhe gebe, höre ich „Halt still!“. Genau dasselbe aber tut Gottes Gebot, wenn es uns zur Heiligung des Feiertags ermahnt. Denn unser Schöpfer fordert nicht mehr und nicht weniger, als dass wir ihm unsere Seele hinhalten. Er will die schmerzhaften Splitter aus unserer Seele ziehen, die Wunde heilen und verbinden. Wenn wir dabei aber jammern und zappeln, sagt er nachdrücklich „Halt still! Gib Ruhe! Lass mich machen! Lass jetzt die Arbeit Arbeit sein und das Vergnügen Vergnügen, denn wenn du nicht ruhst in mir, und ich in dir, wird deine Seele nie gesund“. 

Worum geht es also im 3. Gebot? Es geht darum, dem Licht Gottes Raum zu geben, damit es in uns leuchten kann. Und dem Wort Gottes ein offenes Ohr, das hören will. Das Samenkorn des Evangeliums soll in uns fruchtbaren Boden finden. Und die Gnade soll Zeit haben, an uns zu arbeiten. Gottes Weisheit muss unsere Aufmerksamkeit finden. Und die Fülle Gottes braucht eine Leerstelle in uns, um aufgenommen zu werden. Dem Feuer des Heiligen Geistes sollen wir unser Holz zur Nahrung geben und der Sonne seiner Liebe unser Gesicht zum Wärmen entgegenhalten. Der himmlische Arzt fordert unsere Geduld, damit er uns heilen kann. Und der gute Hirte sucht einen Ort, wo er sein Schaf pflegen, versorgen und hüten kann. Halten wir aber seiner Hand nicht stille, wie soll sie uns dann berühren? Und haben wir immer alle Hände voll, wie soll er uns da etwas geben? Laufen wir vor ihm weg, wie soll er sich uns befreunden? Und wenn wir mit hörenden Ohren doch nicht hinhören, wie soll er zu uns reden? An Gott fehlt es gewiss nicht! Er ist bei uns! Aber wir sind nicht zuhause! Er will zu uns reden! Aber wir schweigen ja nie! Es fehlt nicht an Gaben, aber an der Zeit, sie zu empfangen und anzueignen! Denn das Licht ist da, die Weisheit, das Wort, das Sakrament und der Segen sind da. Aber, Mensch, wo bist du? Läufst du im Freizeitstress durch Kinos, Clubs und Einkaufsstraßen, füllst dir Kopf und Herz mit tausend Sorgen, Nöten und Begierden, fliehst vor der Stille, meidest die Besinnung und wunderst dich, dass dir Gott nicht begegnet? Du kannst nicht stillsitzen, läufst deinem Glück hinterher und erwartest, dass Gott dich einholt? Du gehst tausendmal an Gottes Haus vorüber, ignorierst seine Einladung zum Abendmahl und wunderst dich, dass du ihn im Restaurant nicht triffst? Du fliehst seinen Ruf und willst von ihm erjagt werden? Du hebst den Kopf nicht und willst dennoch den Himmel sehen? Du willst mit Gott reden, aber machst nicht mal das Radio aus? Er wäre durchaus für dich da, aber du bist nicht da! Hast weder Geduld noch Zeit, investierst keine Konzentration und keine Ausdauer, hast weder den Kopf frei noch Termine für Gott – und willst dennoch erleuchtet werden im Schnellverfahren? Nicht Gott fehlt, sondern du fehlst! Er ist bei dir, aber du bist nicht bei dir! Gott hat Raum für dich, aber du nimmst diesen Raum nicht ein! Er ruft dich mit jedem Glockenschlag seiner Kirche, aber du bist zu beschäftigt. Er befiehlt dir sogar Ruhe, weil sonst er dir entgeht! Gottes Gebot, den Feiertag zu heiligen, ist keine Bitte und kein unverbindlicher Vorschlag! Diese Wohltat ist dir ausdrücklich befohlen! Und doch willst du nicht unterbrochen sein, so als wäre das ewige Geld-verdienen und Geld-wieder-ausgeben dein ganzer Daseinszweck.

Es ist seltsam, wie der Mensch vor dem flieht, was ihm nützen könnte. Denn sonst sind wir einsichtiger. Jeder versteht, dass er für seine körperliche Gesundheit etwas tun muss, und dass es nichts bringt, alle drei Wochen einmal zu trainieren. Wenn Sport mir helfen soll, muss er regelmäßig sein. Soll ein Mensch aber dasselbe für seine seelische Gesundheit tun, ist es mit der Einsicht vorbei und die Zeit ist ihm zu schade. Jeder versteht, dass eine Freundschaft vom regelmäßigen Austausch lebt, und dass, wenn die Begegnungen zu kurz und zu selten sind, sich auch die Freundschaft verliert. Folgert man aber, dass demnach auch die Beziehung zu Gott der regelmäßigen Pflege und des intensiven Kontakts bedarf, will man davon nichts wissen. Ausgerechnet dem Allmächtigen, den sie am dringendsten brauchen, gehen die Menschen aus dem Weg. Und die Folgen sind fatal. Denn der Mensch verhält sich dabei wie eines jener armen Tiere, die sich in den Resten eines Fischernetzes verfangen haben, die sich selbst daraus nicht befreien können, die aber vor mitleidigen Helfern immerzu fliehen und die Retter nicht an sich heranlassen. Manchmal sind es Robben und manchmal Seevögel, Meeresschildkröten oder Delfine, die auf diese Weise verenden. Und wenn man es sieht ist es zum Heulen! Man könnte die Verstrickten mit wenigen Griffen aus ihren Fesseln lösen, wenn man nur an sie herankäme! Aber sie fürchten jeden, der sie zu retten versucht, missverstehen die gute Absicht und fliehen vor den Helfern in die Tiefe des Meeres. Sie erlauben keinen Zugriff, sie dulden keine Nähe, und wenn man sie nicht erwischt, gehen sie an ihren Fesseln zugrunde. Genau so steht es aber auch mit den weltlich Gesinnten und allzu Beschäftigten, die sich Gott entziehen, indem sie keine Ruhe halten, seinen Zugriff nicht dulden und sein Wort verachten. Der Schöpfer sagt „Haltet doch still, ich tue euch nichts, lasst mich mein gutes Werk in euch wirken!“ Aber der Mensch hetzt lieber davon und betäubt sich eher mit platter Belustigung, als dass er Gott an seine Seele heranließe. Er flieht die Wohltat, die er am nötigsten hätte. Denn es ist ja wahr, dass unsere Seelen ohne regelmäßigen Kontakt mit Gott verkommen und zugrunde gehen. Gott will uns immer wieder aus den Fischernetzen herausschneiden, in die wir uns verheddert haben. Er will unsere Wunden heilen und uns gestärkt dann neue Freiheit schenken! Aber dazu braucht es Muße. Dazu muss man den Motor abschalten und das Geschwätz einstellen. Dazu muss man sich von Gott unterbrechen lassen und etwas Stille aushalten. Was die Stille aber bewirkt, das erklärt eine Geschichte, mit der ich schließen will: 

Ein Mönch hatte sich in die Einsamkeit einer verlassenen Gegend zurückgezogen, um sich dort fern von allem Lärm und aller Unruhe dem Gebet zu widmen. Doch eines Tages kam dort ein Wanderer vorbei und bat um etwas Wasser. Der Mönch ging mit ihm zum Brunnen, um das Wasser zu schöpfen. Und dankbar trank der Fremde. Etwas vertrauter geworden bat er den Mönch, eine Frage stellen zu dürfen, und sagte: „Warum hast du bloß diese Abgeschiedenheit gewählt? Was gibt dir das Leben in der Stille?“ 

Der Mönch wies mit einer Geste auf das Wasser unten im Brunnen und sprach: „Schau mal hinunter in das Wasser, aus dem wir gerade geschöpft haben. Was siehst du?“ Der Wanderer schaute tief in den Brunnen, hob dann aber den Kopf und sagte: „Ich sehe da gar nichts.“ Der Mönch lächelte, wartete eine ganze Weile und forderte seinen Gast dann erneut auf: „Schau noch mal in den Brunnen. Was siehst du jetzt?“ Noch einmal blickte der Fremde auf das Wasser hinab und antwortete: „Oh, jetzt sehe ich dort mein Spiegelbild!“ 

„Und damit ist deine Frage beantwortet“, erklärte der Mönch. „Denn als du zum ersten Mal in den Brunnen schautest, war das Wasser vom Schöpfen ganz unruhig und trübe von dem Schlamm, den der Eimer aufgewühlt hatte. Da konntest du gar nichts erkennen. Jetzt aber ist das Wasser wieder ruhig, die Oberfläche glatt und alle Verunreinigungen haben sich am Boden abgesetzt. Und genau das ist die Erfahrung der Stille. Das ist es, was sie mit der Seele macht. Denn durch die Stille sieht man wieder klar und erkennt sich selbst!“

 

In die einsame, stille, freie Gottheit trage deinen unnützen, hässlichen Seelengrund,

der überwachsen ist mit Unkraut, ledig alles Guten, und voll der wilden Tiere.

Gott entgegen trage deine Finsternis, die allen Lichtes entbehrt,

und lass ihn dich erleuchten.   ( J. Tauler )