Die Kreuzigung Christi war kein Justizirrtum und kein Missverständnis, sondern eher eine Kampfhandlung. Christus war ein Opfer der Menschheit, die sich dem Anspruch Gottes entziehen wollte, indem sie seinen Repräsentanten aus der Welt schafft. Und Christus war zugleich ein Opfer Gottes, der ihm als Repräsentanten der Menschheit diesen Tod zugemutet hat. Erst von Ostern her erschließt sich der Sinn dieses schrecklichen Vorganges: Gottes Sohn ging durch die Hölle, damit wir es nicht müssen.                                                                zum nächsten Video  


Das Kreuz Jesu Christi

Wollten Menschen seinen Tod – oder wollte ihn Gott?


In fast jeder Kirche findet sich ein Kruzifix, ein Bild des Gekreuzigten: Blutüberströmt, geschunden, gefoltert, ermordet. Da ist einer unter die Räder gekommen – das sieht man. Aber was für Räder waren das eigentlich? Und was bedeutet es, dass Gottes Sohn dieses Ende fand? Eins unserer Kirchenlieder stellt die Frage so: „Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen, dass man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?“ War Christi Kreuzigung vielleicht eine Art Justizirrtum, Resultat einer unglücklichen Verkettung von Umständen? War es ein tragisches Missverständnis, dass man diesen friedfertigen Menschen für gefährlich hielt und aus dem Weg räumte? Dann wäre Christus so eine Art Unfallopfer gewesen... Aber nein, ein Unfallopfer, das war er am allerwenigsten. Es war kein Zufall, dass dieser Mann unter die Räder der Justiz geriet. Dass er an Karfreitag dieses Ende fand, ist vielmehr die logische, die zwingende, die unausweichliche Konsequenz des Lebens, das er bis zu diesem Tag geführt hat. Denn dieses Leben war ein Generalangriff auf alles, was seinen Zeitgenossen heilig war. Christus war ja als Gesandter Gottes unter die Menschen getreten. Er redete und handelte im Namen Gottes. Er sprach mit der Vollmacht des Messias. Aber er tat nicht, was man von Gottes Gesandtem erwartete. Er klopfte den Frommen und Wohlanständigen nicht anerkennend auf die Schultern, sondern nannte sie Heuchler. Er sagt ihnen auf den Kopf zu, dass sie mit ihrer ganzen Moralität, Tüchtigkeit und Rechtschaffenheit nur versuchen, sich und Gott etwas vorzumachen. Dass sie nicht Freunde Gottes sind, sondern Feinde Gottes. Dass sie sich in ihrer ganzen Religiosität nicht wirklich Gott ausliefern und öffnen, sondern sich durch vorbildliche Lebensweise gegen Gott abzusichern versuchen. Leuten wie uns sagt er das. Und so wird sein ganzes Leben zu einem Generalangriff auf den Common Sense seiner Zeit. Denn die Angesprochenen waren verständlicherweise verärgert. Als sei das Leben nicht schon schwer genug, rückte ihnen nun Gott mit diesem Messias auf den Leib. Er stellt provozierende Fragen und erhebt Forderungen, die kein Mensch erfüllen kann. Der Mann hat also alles getan, um sich unbeliebt zu machen. Er war ein Ärgernis – und deswegen ist sein Tod die logische Konsequenz seines Lebens. Denn wir Menschen sind nicht so dumm, dass wir nicht merken würden, wenn man uns den Krieg erklärt. Wenn uns Gott so kommt, dann wehren wir uns. Dann finden wir einen Weg, Gottes Gesandten aus der Welt zu schaffen. Und so ist Christus gewissermaßen das Opfer einer kriegerischen Handlung geworden: Die Menschen wehrten sich gegen Gottes Angriff auf ihre religiösen Gewohnheiten. Darum kreuzigten sie Christus, den Repräsentanten Gottes auf Erden. Allerdings hat das Kreuz zwei Seiten. Man kann es auch andersherum sehen: Denn schließlich hat nach dem Zeugnis des Neuen Testaments Gott selbst seinen Sohn in diesen Tod „dahingegeben“. Christus hat in Gethsemane am Ende gesagt: Dein Wille geschehe. Wurde er also nach dem Willen Gottes gekreuzigt, so war er nicht zuerst ein Opfer der Menschen, sondern das Opfer des Gottes, der diesen Tod über ihn verhängt hat! Tatsächlich: Gott hätte ihm das ersparen können. Er hätte ihn ohne weiteres vor seinen Verfolgern bewahren und sein Leben erhalten können. Aber Gott wollte nicht. Und damit fällt ein düsteres Licht auf diesen Gott. Denn warum gab er diesem Menschen einen Auftrag und eine Botschaft, mit der er zum Ärgernis werden musste? Hatte Christus auf seinem Weg nicht schon manches erduldet, war er nicht immer gehorsam gewesen? Alle anderen waren Sünder, dieser nicht! Alle anderen hätten dieses Ende eher verdient als er. Warum also? Gott wusste doch, was die Pharisäer und Schriftgelehrten im Schilde führten, er wusste genau, was seinen Sohn in Jerusalem erwartet. Und doch ließ er ihn dorthin ziehen – mitten hinein in die Höhle des Löwen. Warum? Hat Gott seine Freude daran, wenn so ein Mensch unter die Räder kommt? Wer schon immer an der Gerechtigkeit Gottes zweifelte, bekommt hier scheinbar seine Bestätigung. Denn nicht Judas der Verräter wird gekreuzigt, nicht Petrus der Feigling, nicht Barrabas der Schwerverbrecher, nicht Pilatus der Opportunist. Sondern ausgerechnet den, der sich nichts hat zu Schulden kommen lassen, den lässt Gott in die Falle tappen, den lässt er foltern und hinrichten, für den macht Gott keinen Finger krumm. Und so müssen wir nun die umgekehrte Folgerung ziehen: Wenn Christus nicht Opfer eines Unfalles, sondern einer Kampfhandlung wurde, dann war es auch der Kampf dieses rätselhaften Gottes gegen uns Menschen. Christus war dann Repräsentant der Menschheit – einer von uns – und fiel dem Zorn Gottes zum Opfer. Ist Christus also zwischen die Fronten geraten? Es ist kein Wunder, dass die Jünger die Welt nicht mehr verstanden. Sie verstanden auch Gott nicht mehr, als der Mann aus Nazareth unter die Räder kam. Sie hatten erwartet, dass er als der Messias Gottes Triumphe feiern und eine herrliche Zeit heraufführen würde. Gott schien ganz auf seiner Seite zu sein. Aber nun das. Nun hatte es ein böses Ende genommen. Was sollten die Jünger jetzt denken? Zunächst dachten sie, was alle dachten: Wenn Gott auf der Seite Jesu gewesen wäre, hätte er ihn nicht der Justiz ausgeliefert. Er hätte nicht zugeschaut, wie sein Beauftragter geschlagen und verhöhnt wird. Also muss Gott sich von Christus losgesagt haben. Er hat ihn anscheinend fallen lassen, hat ihn aufgegeben und ließ ihn darum zum Spielball menschlicher Willkür werden. Das Kreuz schien zu beweisen, dass sich Gott von jenem Nazarener distanziert hatte. Drei Tage lang war das die einzig plausible Deutung der Kreuzigung. Die Jünger mussten denken, Christus sei ein von Gott Verlassener und Verworfener, ein tragisch Gescheiterter. Dann aber wurde es Ostern. Christus tritt seinen Jüngern als Lebendiger gegenüber. Und die Jünger müssen noch einmal total umdenken. Denn wenn Gott den Gekreuzigten auferweckt, dann ist er weiterhin auf seiner Seite, dann hat er ihn gar nicht aufgegeben. Hat er ihn aber nicht aufgegeben, sondern zu ihm gehalten, dann kann auch die Kreuzigung nicht das Zeichen eines tragischen Scheiterns gewesen sein – sie muss irgendeinen Sinn gehabt haben. Sie muss Teil des Planes Gottes gewesen sein. Wenn Gott weiterhin zu seinem Sohn steht, dann muss der Kreuzestod irgendwie mit seiner Sendung und seinem Auftrag zu tun haben. Es muss ein verborgener Sinn darin stecken. Aber welcher? Auf der Suche nach dem verborgenen Sinn der Kreuzigung blätterten die Jünger Jesu im Alten Testament. Und sie fanden dort den Text, der alles erklärt. Sie lasen bei Jesaja im 53. Kapitel Worte, die wie eine Weissagung auf Karfreitag klangen: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“ (Jes 53,4-6) Könnte jemand so taub sein, dass er nicht hört, wie hier von Christus die Rede ist? Als die Jünger diesen Text im Alten Testament entdeckten, ging ihnen ein Licht auf: Christus ist nicht zufällig zwischen die Fronten geraten, sein Tod war kein tragischer Unfall, dieser Tod hatte einen besonderen Sinn. Und Jesaja sagt, worin der Sinn bestand: Christus trug nicht eine Strafe, die er selbst verdient hätte, sondern die Strafe, die wir verdient haben. Er beglich unsere Rechnung. Welche Rechnung? „Wir gingen alle in die Irre, wie Schafe“, sagt Jesaja. Wir Menschen sind alle blind in unserer Sünde und entfernen uns immer weiter von Gott. Unsere Vorfahren, das sind die ach so anständigen Pharisäer und Schriftgelehrten, der Verräter Judas, der Feigling Petrus, der Opportunist Pilatus, der Verbrecher Barrabas – wir sind von ihrer Art, wir sind aus diesem Holz geschnitzt. Und darum hätte Gott reichlich Anlass, uns zu richten. Aber er erbarmt sich. Gott selbst wird Mensch und trägt die Strafe, die wir verdienen. „Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen.“ Gott hat einen Weg gefunden, unsere Feindseligkeit und unsere Schuld durch Liebe zu überwinden. Er kehrt unsere Schuld nicht unter den Teppich, er sieht nicht einfach darüber hinweg, als wäre nichts gewesen. Schuld muss gesühnt werden. Aber Gott nimmt auf sich, was wir angerichtet haben. Er lässt sich unsere Erlösung etwas kosten. „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ sagt Jesaja. Christus geht also für uns durch die Hölle, damit wir es nicht müssen. Er löffelt die Suppe aus, die wir uns eingebrockt haben. Denn eigentlich – von Rechts wegen – müssten wir dort am Kreuz hängen. Aber Gott lässt Gnade vor Recht ergehen. Er tritt in Christus an unsere Stelle. Er fängt mit seinem eigenen Leib den Schlag ab, der uns treffen müsste. Und wir dürfen hinter ihm in Deckung gehen. Dieses Angebot gilt auch heute. Und es stellt jeden vor die Entscheidung. Denn jeder hat die Möglichkeit, das Angebot abzulehnen oder anzunehmen. Wenn ich es ablehne, sage ich: „Nein, ich will nicht, dass Christus für mich den Kopf hinhält. Nein, ich habe es nicht nötig, dass jemand für mich stirbt. Ich will für mich selber geradestehen und brauche diesen Gekreuzigten nicht.“ Das zu sagen, steht jedem frei. Denn wenn einer ohne diesen Fürsprecher in Gottes Gericht gehen und seine Strafe unbedingt selber tragen will, wird Gott ihm das bestimmt nicht verwehren. Doch kann man zu Gottes Angebot auch ja sagen: „Ja, ich habe einen Erlöser nötig. Ja, ich brauche einen Fürsprecher im Gericht – einen, der mir den Hals rettet. Ja, du barmherziger Gott, ich lasse mir gefallen, was Christus für mich tat.“ Dann ist das Bild des Gekreuzigten voller Trost für mich. Denn um seinetwillen bekomme ich nicht, was ich verdiene, sondern bekomme stattdessen das ewige Leben…