Glaube ist nichts, wofür wir uns souverän „entscheiden“ oder was wir „tun“ könnten. Er ist aber auch nichts, was mit uns oder an uns „getan wird“ wie an unbeteiligten Objekten. Sondern wie die Sonne mich schwitzen oder die Kälte mich frieren lässt, so lässt Gott mich glauben: Der Mensch ist dabei ganz beteiligt und bewegt. Aber wo die äußere Einwirkung fehlt, kann er nicht (schwitzen, frieren) glauben - und wo sie ist, kann er es nicht lassen.                                                                                                                                                                                                       zum nächsten Video

Des Menschen Vernunft und Gottes Geist

Steht es jedem frei, zu glauben?


Glaubensgewissheit ist nichts, was der Mensch sich aus dem eigenen Erkennen und Verstehen nehmen oder herleiten könnte. Gottes Heiliger Geist muss sie ihm schenken. Denn zwischen seinem Erkenntnisstreben und dem Glauben gähnt ein tiefer Graben. Schon 1577 stellen die lutherischen Bekenntnisschriften fest, dass „...in geistlichen und göttlichen Sachen des unwiedergebornen Menschen Verstand, Herz und Wille aus eignen, natürlichen Kräften ganz und gar nichts verstehen, gläuben, annehmen, gedenken, wöllen, anfangen, vorrichten, tun, wirken oder mitwirken könnte...“ (BSLK 873f.). Der Mensch vermag sich nicht selbst zu bekehren. Und gerade die Vernunft hilft ihm am wenigsten dabei, weil „...des Menschen Vernunft oder natürlicher Verstand, ob er gleich noch wohl ein tunkel Fünklein des Erkenntnus, dass ein Gott sei, wie auch, Ro.1, von der Lehr des Gesetzes hat: dennoch also unwissend, blind und verkehret ist, dass, wann schon die allersinnreichsten und gelehrtsten Leute auf Erden das Evangelium vom Sohn Gottes und Vorheißung der ewigen Seligkeit lesen oder hören, dennoch dasselbige aus eigenen Kräften nicht vernehmen, fassen, verstehen noch gläuben und vor Wahrheit halten können, sondern je größern Fleiß und Ernst sie anwenden und diese geistliche Sachen mit ihrer Vernunft begreifen wollen, je weniger sie vorstehen oder gläuben und solchs alles allein für Torheit und Fabeln halten, ehe sie durch den Heiligen Geist erleuchtet und gelehret werden, 1.Corinth.2.: Der natürliche Mensch vernimbt nichts vom Geist Gottes, denn es ist ihme eine Torheit, und kann es nicht begreifen, denn es wird geistlich ergründet„ (BSLK 874f.) Zwischen dem menschlichem Erkenntnisstreben und der gottgewirkten Glaubensgewissheit gähnt eine tiefe Kluft, die der Mensch nicht zu überbrücken vermag, wenn Gott es nicht tut. Er kann zwar auf dem Jakobsweg pilgern und zum Kirchentag fahren, kann seinen Urlaub im Kloster verbringen und Meditationstechniken lernen, er kann theologische Bücher lesen, im Gospelchor singen und einen Hauskreis besuchen. Doch all diese (guten!) Aktivitäten verwandeln den Zweifler nicht in einen Gläubigen, wenn Gott ihn nicht verwandelt. Und er hat auch nicht die Freiheit, sich zum Glauben zu entschließen. Denn der Glaube ist nicht des Menschen Werk, sondern Gottes Werk am Menschen. Die Wendung zum Glauben vollzieht sich am Zweifelnden, aber nicht durch den Zweifelnden. Und sie ist daher am ehesten der unwillkürlichen Reaktion auf einen äußeren Reiz vergleichbar. Man denke an Sätze wie: „Die Kälte lässt mich zittern“, „Die Sonne bringt mich zum Schwitzen“ oder „Das Erdbeben macht mir Angst“. In all diesen Vorgängen ist der Mensch aktiv beteiligt: Er zittert, er schwitzt, er fürchtet sich – und kein anderer. Und doch ist nichts von alledem seine „Tat“ oder sein „freier Entschluss“, weil das Frieren, Schwitzen und Sich–Fürchten seinen Ursprung in etwas hat, das außerhalb der betroffenen Person liegt und sich ihrer Kontrolle entzieht. Die Kälte ist es, die den Menschen zittern lässt. Die Sonne ist es, die ihn schwitzen macht. Das Erdbeben erschreckt ihn. Und solange der Mensch diesen äußeren Einwirkungen ausgesetzt ist, liegt es nicht in seinem freien Ermessen, ihre Wirkungen abzustellen. Er kann nicht nach Belieben mit dem Zittern oder Schwitzen aufhören, wenn Kälte oder Hitze anhalten. Und auch dass ihn das plötzliche Erdbeben erschreckt, kann er nicht ändern. Er kann versuchen, sich die Angst nicht anmerken zu lassen. Aber er kann nicht verhindern, dass er sie hat. Denn es gibt äußere Ursachen, die in uns Reaktionen hervorrufen und uns beeindrucken – ob wir wollen oder nicht. Solch ein von außen gesteuerter Vorgang ist der Glaube nun auch. Er ist die innere Wirkung einer äußeren Ursache. Er ist der Reflex, den Gottes Nähe im Menschen hervorruft, wenn Gott das will. Er ist eine Bewegung, die von außen kommt, die aber unser Innerstes mit in die Bewegung hineinnimmt. Unsere Seele bringt aus eigenem Entschluss weder Vertrauen noch Gewissheit hervor. Wird ihr aber Vertrauen „eingeflößt“, beginnt der Mensch unter der Voraussetzung dieses Vertrauens zu denken und zu handeln. Natürlich „will“ er dann auch glauben. Aber die Bewegung des menschlichen Willens, der sich für den Glauben „entscheidet“, ist nicht Ursache, sondern Wirkung dessen, das Gott sich für diesen Menschen entschieden hat. Folgt daraus, dass ein Zweifler nichts tun kann, um Gewissheit zu erlangen? Muss resignieren, wer „religiös unmusikalisch“ ist, glauben will – und doch nicht glauben kann? Nein. Ihm hilft am ehesten eine Korrektur seiner Erwartungen und seiner Strategie. Denn die Aktivität des Suchenden sollte sich darauf beschränken, die Aktivität Gottes beharrlich zu erbitten – und ihr möglichst wenig im Wege zu stehen:


Wenn Glaube so etwas ist wie eine Reflektion göttlichen Lichtes im Spiegel des menschlichen Geistes, so ist klar, dass der Spiegel von sich aus kein Licht entzünden und ohne Licht auch nichts reflektieren kann. Die Aktivität des Menschen kann nur darin bestehen, seinen Spiegel zu putzen und zu polieren, damit er bereit ist, das Licht aufzunehmen, sobald es erscheint.


Wenn Glaube so etwas ist wie der Wind des Heiligen Geistes im Segel eines menschlichen Schiffes, so ist klar, dass die Besatzung des Schiffes den Wind nicht herbeikommandieren und aus einer Flaute keine frische Brise machen kann. Aber die Aktivität des Menschen wird darin bestehen, schon einmal die Segel zu setzen, damit der Wind des Heiligen Geistes hineingreifen kann, wann immer er will.


Wenn Glaube so etwas ist wie ein königlicher Thron im Herzen des Menschen, auf dem nur Gott Platz nehmen darf, so ist klar, dass die Wächter des Thronsaals den König nicht herbeizwingen können, wenn er nicht freiwillig kommt. Aber die Aktivität des Menschen kann darin bestehen, den Gott zukommenden Platz frei zu halten und alles Gesindel davon zu vertreiben, das unrechtmäßig Gottes Platz einzunehmen versucht.


Wenn Glaube darin besteht, dass Gott Gnade und Gewissheit in das Gefäß des menschlichen Geistes gießt, wie Wasser in einen Eimer, so ist klar, dass der Eimer dieses Eingießen nicht erzwingen kann. Aber die Aktivität des Menschen kann darin bestehen, seinen mit Jauche gefüllten Eimer zu leeren, damit Gott keinen vollen (und somit blockierten), sondern einen leeren Eimer vorfindet, den er mit seinen Gaben füllen kann.


Der Suchende hat also durchaus die Möglichkeit, etwas zu „tun“. Denn man kann auf die Weise mit Gott einig werden, dass man die geistliche Armut akzeptiert, die Gott einem auferlegt, statt einen geistlichen Reichtum zu fordern, den er nicht geben will. Statt sich an Gottes Burgtor den Kopf einzurennen, kann man geduldig vor seiner Tür warten, um beharrlich immer wieder anzuklopfen. Statt die eigenen Erwartungen Gott vorzuschreiben, kann man ihm zugestehen, dass er das Recht hat, uns ganz anders zu kommen – oder auch gar nicht. Wer seinen Willen aber in dieser Weise dem Willen Gottes ein– und unterordnet, ist garantiert nicht fern von ihm. Er würde Gottes Nähe gar nicht ersehnen, wenn Gott ihm nicht schon nah wäre. Er darf also um Gewissheit bitten. Und er wird es nicht vergeblich tun. Denn auch als religiöser Stümper ist er kein Stümper mehr, wenn er die Zumutung der Schwäche als Zumutung Gottes aus seiner Hand annimmt:


Ein armer Chassid kommt zu seinem Rabbi. Er ist verzweifelt: »Rabbi, ich kann die vorgeschriebenen Gebete nicht sprechen; ich kann nicht lesen, und die Gebete kann ich nicht auswendig. Was soll ich tun?« Fragt ihn der Rabbi: »Was kennst du von der Heiligen Schrift?« Antwortet der Chassid: »Nur das A, das B, das C...« Sagt der Rabbi: »Sprich mit frommer Seele und inbrünstig das Alphabet. Der liebe Gott wird sich die Buchstaben schon zu einem Gebet zusammensetzen.«


Es ist eine wahrlich bescheidene Rolle, die dem Suchenden damit zugewiesen wird. Und mancher, der voller Eifer ist, würde gerne „mehr“ tun, als ausgerechnet Passivität zu erlernen. Aber genau darin – sich zurückzunehmen, und Gottes Handeln Raum zu geben – liegt der entscheidende Schritt. Meine Empfehlung lautet darum: Erkennen, wenn Gott Intimität verweigert – und dies geduldig akzeptieren. Nicht haben wollen, was er mich nicht haben lässt. Nicht fordern, was er nicht geben will. Nicht reich sein wollen, wo er mich arm sein lässt. Nicht groß sein wollen in dem, worin er mich klein gemacht hat. Nicht eingelassen werden – und doch von seiner Tür nicht weggehen. Keinen Anspruch erheben – und doch die Hoffnung festhalten. Ihn herzlich begehren – und durch nichts ersetzen. Die Lücke spüren – und doch den Platz frei halten. Die Flaute nüchtern sehen – und doch die Segel täglich setzen. Die seelische Dürre eingestehen – und trotzdem nach den Wolken schauen. Kein Licht herbeireden – aber den Spiegel der Seele polieren. Die Stube fegen – auch wenn der Gast wieder nicht kam. Den Eimer leeren – auch wenn er ungefüllt bleiben sollte. Und Gott schon vorab Recht geben in dem, was er mit mir vorhat. Nicht plärren, sondern stille sein vor Gott, und die Schuld bei mir selber suchen. Nicht glänzen wollen, sondern ihm die Ehre geben. Damit rechnen, dass jeder Dornbusch brennen kann. Und sofort bereit sein, die Schuhe auszuziehen. Die Dummheit, die Gott mir zumutet, jeder Klugheit vorziehen. Und von dem, was mir gegeben ist, nicht das Geringste mir zugute halten. Täglich das Gerümpel meiner Gedanken Gott vor die Füße legen. Und täglich bitten, dass er mich brauchbar mache, wozu immer er will. Ihn allein gut sein lassen und ihn allein Recht haben lassen. Selbst aber nur sein wollen, wozu er mich macht. Um keinen Preis mir selbst zu Gott verhelfen. Sondern Raum geben und Zeit geben, bis er meiner gedenkt. Denn bin ich der Kleinste in seinem Reich, und bin es willig, so bin ich darin mit ihm einig, und mit ihm einig zu sein, in was auch immer, ist das denkbar Größte: Das Einzige, das gewollt zu werden wert ist…