Der menschliche Erkenntnisdrang steht der Welt gegenüber wie einem lückenhaften, deutungs-bedürftigen Text. Denn der Bereich des „gesicherten Wissens“ ist nicht so groß, wie wir ihn gerne hätten. Da das Leben trotzdem Entscheidungen von uns verlangt, ist der Mensch gezwungen, sein Dasein zu „interpretieren“ und zu „deuten“. Wer dabei Gott außen vor lässt, handelt nicht „rationaler“ als der, der mit Gott rechnet. Denn Unglaube und Glaube müssen gleichermaßen „gewagt“ werden. Wohin der jeweilige Weg führt, erfährt nur der, der ihn geht.                                                                                                                                      zum nächsten Video


Die unvermeidliche Deutung des Daseins

Kann man auch „nichts“ glauben?


Es gehört zur Natur des Menschen, dass er wissen und verstehen will, was um ihn herum geschieht. Und dieser tief verwurzelte Erkenntnisdrang sollte nicht mit oberflächlicher „Neugier“ verwechselt werden. Denn er ist lebensnotwendig. Nur wer seine Umwelt erkennt, kann sein Verhalten den Gegebenheiten anpassen. Nur wer die Rahmenbedingungen seines Daseins kennt und versteht, kann angemessen handeln, kann Gefahren ausweichen, Chancen wahrnehmen und Erfolg versprechende Strategien verfolgen. Darum ist es natürlich, dass der, der (über-)leben will, nach möglichst umfassendem Wissen strebt. Und das heißt: Am liebsten würden wir in der Welt lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch. Ja, wie man einem Brief mit wenigen Blicken alle nötigen Informationen entnimmt, so würden wir gern die Welt erkennen und durchforschen bis wir verstanden haben, was sie im Innersten zusammenhält. Denn ein Spiel, dessen Regeln man beherrscht, kann man gut spielen. Und einen Prozess, dessen Gesetze man kennt, kann man leicht voraussagen. Wissen ist Macht. Nur: Wie viel von dieser „Macht“ haben wir? Wie umfassend und wie zuverlässig ist menschliches Erkennen? Wer von seinem Verstand einen selbstkritischen Gebrauch macht, wird zugeben, dass die Reichweite des Verstandes begrenzt ist. Denn die Welt ist eben nicht von dieser Art, dass sie vor uns läge wie ein aufgeschlagenes Buch. Und auch der Mensch selbst ist sich oft genug ein Rätsel. Unser Wissen ist Fragment. Wir sehen immer nur Ausschnitte des weiten Feldes, das wir gerne vollständig überblicken würden. Wir kennen immer nur einen Teil der Faktoren, die unser Leben bestimmen. Und zudem ist das Bild, das wir von uns selbst und von unserer Welt haben, in ständigem Wandel begriffen. Vieles, was wir zu wissen meinen, wissen wir nicht mit letzter Sicherheit. Irren ist menschlich. Und außerdem bleiben ein paar entscheidende Fragen immer offen: Woher wir kommen und wozu wir da sind, wie viel Lebenszeit uns bleibt und was wir mit ihr anfangen sollen, worauf es im Leben ankommt, wie man „gut“ und „böse“ unterscheidet, was ein „gelingendes“ Leben auszeichnet und was der Tod für uns bedeutet – das alles sind Fragen, die uns kein Lexikon beantwortet. Unser Erkennen hat zahlreiche Lücken, die der Blick ins Mikroskop oder ins Teleskop nicht schließen kann. Und darum gleicht unsere Welt weniger einem aufgeschlagenen Buch, als einem geheimnisvollen, nur teilweise lesbaren Dokument. Wir kennen solche lückenhafte Schriftstücke aus Abenteuerromanen: Da wird eine Schatzkarte oder eine wichtiges Rezept gefunden, das für Jahrhunderte verschollen war. Ein Teil der alten Schrift ist auch noch zu lesen. Aber an vielen Stellen gibt es Risse, Brandflecken und Löcher, durch die entscheidende Informationen verloren gegangen sind. Manches ist deutlich – so wie wir auch einen Teil unseres Lebens deutlich erkennen und verstehen. Anderes aber ist unleserlich und rätselhaft – so wie auch im menschlichen Leben manches rätselhaft ist. Wenn das aber stimmt, dass unser menschlicher Erkenntnisdrang einem solchen lückenhaften, deutungsbedürftigen Text gegenübersteht – wie gehen wir dann mit dieser Situation um? Wie lebt man in einer Welt, die nur einen Teil dessen verrät, was man wissen will? Viele Menschen meinen, man könnte sich in dieser Lage auf die gesicherten „Fakten“ beschränken. Sie nennen sich selbst „realistisch“, „kritisch“, „nüchtern“ und „rational“. Sie wollen nur glauben, was sie sehen. Sie belächeln alles „Religiöse“ und lehnen jede Glaubensüberzeugung als „unbewiesene Behauptung“ ab. Sie haben ein verständliches Bedürfnis nach Sicherheit und wollen sich darum an „Tatsachen“ halten. Nur fragt es sich, ob dieser Vorsatz unter den gegebenen Bedingungen durchgehalten werden kann. Ist es wirklich „rational“, einem deutungsbedürftigen „Text“ gegenüber auf Deutung zu verzichten? Ist das überhaupt möglich, wenn es sich bei diesem „Text“ um das eigene Leben handelt? Kann man leben, ohne eine Meinung darüber zu haben, was das Leben bedeutet? Ist nicht jeder Mensch genötigt, sich auf sein Leben einen Reim zu machen und seinem Dasein einen „Sinn“ zu unterstellen? Wenn der Mensch das aber tut, ist er dann mit der Deutung seines Lebens nicht schon über den Bereich der „Tatsachen“ hinausgegangen? Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass die „Kritischen“ die Voraussetzungen ihrer Position etwas kritischer betrachten sollten. Denn dann müsste ihnen bewusst werden, dass ihr Unglaube – nicht weniger als der Glaube – eine Interpretation der Welt (und insofern eine „unbewiesene Behauptung“) darstellt. Auch die Entscheidung „nichts“ zu glauben ist eine Glaubens-Entscheidung. Und niemand lebt, ohne eine solche Glaubensentscheidung zu vollziehen. Denn das Leben selbst hindert uns daran, dem „Lückentext“ gegenüber einfach mit den Schultern zu zucken. Das Leben verlangt unablässig Entscheidungen von uns. Und nur wenige dieser Entscheidungen lassen sich aus „gesicherten Erkenntnissen“ ableiten. Einen bestimmten Menschen zu heiraten, eine bestimmte Partei zu wählen, einen bestimmten Beruf zu ergreifen – das alles sind Schritte, die eine Deutung unseres Lebens voraussetzen. Und mit dieser Deutung oder Interpretation unseres Lebens greifen wir zwangsläufig über den schmalen Bereich des „gesicherten Wissens“ hinaus: Wir „wissen“ nicht, dass der Ehepartner uns liebt – aber wir glauben es ihm. Wir „wissen“ nicht, dass jene Partei der Zukunft unserer Gesellschaft besser dient als eine andere – aber wir hoffen es. Wir „wissen“ nicht, ob wir den Anforderungen gewachsen sind, die der Beruf in zwanzig Jahren an uns stellt – aber wir wagen es. Menschliches Leben vollzieht sich also immer im Bereich des ungesicherten Erkennens, des Glaubens, Hoffens und Vertrauens. Und wer sich darauf bewusst einlässt, dem darf deswegen kein Mangel an intellektueller Redlichkeit nachgesagt werden. Denn der Gläubige behauptet ja nicht zu wissen, was er nicht weiß. Er maßt sich nicht an, bessere Augen zu haben als der, der in den Lücken eben Lücken sieht. Aber im Vollzug seines Glaubens bildet er sich eine Meinung darüber, welchen Gesamtsinn der lückenhafte Text hat. Er bringt das, was er erkennt, in sinnvollen Zusammenhang und versucht zu erschließen, was dort gestanden haben muss, wo er nichts mehr erkennt. Er stellt Mutmaßungen an, er deutet und interpretiert. Er versucht zu erahnen, wie das Leben gemeint ist. Er lebt auf Grund seiner persönlichen Interpretation. Und er vollzieht damit nur bewusst, was die Kritiker des Glaubens unbewusst tun. Denn wie wir oben gezeigt haben, kann man nicht „nichts“ glauben. Wer mit Gott rechnet, wird seine Überzeugung nicht als überprüfbares „Wissen“ ausgeben. Doch wer Gott leugnet, kann das genauso wenig. Wer vorgibt, weder an Gottes Existenz noch an seine Nicht-Existenz zu glauben, glaubt mit dieser Unentschiedenheit im Recht zu sein. Und wer sich von vorneherein weigert, über Glaubensfragen nachzudenken, der glaubt zumindest, dass sich dieses Nachdenken nicht lohnen würde. Weder für das eine noch für das andere kann ein „Beweis“ erbracht werden. Darum zerfällt die Menschheit auch nicht in solche, die sich an „nüchterne Fakten“ halten einerseits, und solche, die etwas „glauben“ andererseits. Sondern alle glauben – und gehen alle mit ihrer Sicht der Dinge das Wagnis ein, dass sie sich als falsch erweisen könnte. Was heißt das dann aber im Blick auf den christlichen Glauben? Und inwiefern hilft es uns, ihn zu verstehen? Nun: Sofern der christliche Glaube ein bestimmtes Weltverständnis und ein Selbstverständnis des Menschen einschließt, ist er – wie jede andere Weltanschauung – ein Akt der Deutung und der Interpretation. Er ist also ein Wagnis, wie jede andere Deutung des Lebens auch ein Wagnis ist. Und wenn man nur das „Wissen“ nennen will, was jedermann jederzeit zwingend demonstriert werden kann, dann heißt „Glauben“ in der Tat „Nicht-Wissen“. Wer nun aber daraus folgern wollte, der christliche Glaube sei eine bloße „Vermutung“ oder „Annahme“ nach dem Motto „Kann sein oder kann nicht sein“ – der hätte ihn missverstanden. Denn die Entscheidung für eine christliche Lebensdeutung ist gerade kein intellektuelles Spiel. Die Interpretation des eigenen Daseins, die man „Glaube“ nennt, ist nicht Spekulation und folgenlose Theorie. Sondern sie ist gewagter Lebensvollzug mit Herz und Hand. Der Gläubige stellt nämlich nicht distanzierte Betrachtungen darüber an, was der Lückentext seines Lebens bedeuten mag, sondern er lebt seine Deutung, er lebt seinen Glauben. Und er ist sich im Klaren darüber, dass mit der Wahrheit seines Glaubens immer zugleich auch sein eigenes Schicksal auf dem Spiel steht. Denn „Glaube“ heißt eben nicht, an einer Wegkreuzung zu stehen und folgenlose Spekulationen darüber anzustellen, welcher Weg der richtige sein könnte. Sondern es heißt, sich auf den Weg zu begeben, den das Evangelium weist. Wer vorab einen Beweis dafür verlangt, dass der christliche Weg ihn zum Ziel führt, der wird ihn nicht erhalten. Aber für die anderen, die atheistischen, esoterischen, kommunistischen, buddhistischen, materialistischen, zynischen und nihilistischen Wege gibt es auch keine „Garantie“. Es gibt in diesem Gebiet keine „Fakten“, hinter denen man sich verstecken könnte. Aber die sind auch nicht nötig. Denn indem man auf dem Weg des Glaubens Schritte macht, sammelt man Erfahrungen. Und aus diesen Erfahrungen erwächst mit der Zeit die Gewissheit, von Gott geführt zu werden. Solche Gewissheit ist nicht „Wissen“. Sie ist nicht objektivierbar. Sie ist nicht beweiskräftig für den, der die Erfahrung nicht teilt. Aber das muss sie auch nicht sein. Denn es genügt, dass der Mensch, der den Weg des Glaubens betritt, unterwegs lernt, ihn zu gehen. Er lässt den Zweifel dabei vielleicht nie ganz „hinter“ sich. Aber er lässt den Zweifel immer wieder „unter“ sich. Und das genügt, um nach einiger Zeit das biblische Wort bestätigt zu finden: „Es ist der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebr 11,1)