Gottes Gericht besteht oft darin, dass er uns in unserem törichten und bösen Tun nicht aufhält, sondern (statt einzugreifen), uns einfach den Konsequenzen unseres Tuns überlässt. Denn meist gebärt die Sünde selbst das Übel, das sie verdient. Das ist hart, aber gerecht. Darum hadert der Glaube nicht mit Gott, sondern beugt sich seinem Gericht, zumal er ja weiß, wohin ihn Gottes raue Pädagogik führen soll: Er soll endlich bleiben lassen, was ihm und anderen zum Schaden gereicht, und soll lernen, zu wollen, was gewollt zu werden wert ist.                                                                                                                                                                               zum nächsten Video 


Gottes Gericht in der Zeit

Hat Gott aufgehört, menschliches Unrecht zu strafen?


Dass Gott Gericht hält und straft, ist ein zentrales Thema der Bibel. Man denke nur an die Vertreibung aus dem Paradies, die Sintflut oder Sodom und Gomorrha. Von den ägyptischen Plagen reicht der Bogen bis zum babylonischen Exil, von Belsazars Gastmahl bis zu Hananias und Saphira. Und er endet erst beim Jüngsten Gericht. Es ist für die Bibel also eine Selbstverständlichkeit, dass Gott straft. Wenn das aber so ist, tut er es dann vielleicht auch heute noch – bei uns? Straft Gott noch? Oder hat er es irgendwann aufgegeben? Straft er nicht mehr? Oder merken wir es bloß nicht? Viele Menschen meinen in der Tat, Gott habe sich seit der biblischen Zeit geändert und sei „milde“ geworden. Doch das ist ein Irrtum. Denn Gott hält auch heute noch Gericht. Er tut es tagtäglich – mitten in unserem Leben. Nur sind wir blind dafür geworden, so dass wir sein Gericht nicht erkennen. Freilich: Wenn Gott Feuer und Schwefel herabregnen ließe, wenn sich Erdspalten auftäten, um Übeltäter zu verschlingen, wenn Engelheere zu den Waffen griffen – dann würde jeder Gottes Strafgericht erkennen. Doch solche übernatürlichen Eingriffe, bei denen Gott uns spektakulär in den Weg tritt, erleben wir nicht. Und wir folgern daraus, er strafe nicht mehr. Doch ist das ein voreiliger Schluss. Denn Gottes Strafe besteht manchmal gerade darin, dass er einen Menschen gewähren lässt – und ihn nicht aufhält. Gott kann dadurch strafen, dass er einem Sünder nicht entgegentritt, sondern ihn den heillosen Weg, den er eingeschlagen hat, zu Ende gehen lässt. Er tut ihm damit eigentlich nichts zu Leide. Aber er „gibt ihn dahin“ in seinen „verkehrten Sinn“ (vgl. Röm 1, 24–28!). Und ich meine, dass das heute Gottes bevorzugte Art des Strafens ist. Er überlässt Menschen ihrer eigenen Bosheit, durch die sie sich selbst zu Grunde richten. Er braucht dazu nicht Blitz und Donner vom Himmel herabzusenden. Dramatische Aktionen sind nicht nötig. Vielmehr genügt es, wenn Gott uns den Konsequenzen unseres Tuns überlässt. Dummheit, Bosheit, Gewalt, Gier und Falschheit gebären dann schon aus sich selbst heraus das Übel, das sie verdienen. Denn es sind verbotene Früchte, vor denen uns Gott nicht umsonst gewarnt hat. Er hat sie verboten, weil sie uns schaden. Greifen wir aber trotzdem danach und verschlingen, was nicht bekömmlich sein kann, dann ist es kein Wunder, dass wir uns den Magen verderben. Das „Strafgericht“ vollzieht sich ganz automatisch. Und Gott tut dabei nichts weiter, als dass er uns unseren Willen lässt und uns vor den Konsequenzen unserer törichten Wünsche nicht bewahrt. Erleben wir das nicht täglich? Da ist einer jähzornig und gewalttätig. Aber eines Tages trifft er einen Stärkeren, der ihm mit gleicher Münze heimzahlt. Er jammert natürlich. Aber geschieht ihm etwa Unrecht? Da betrügt einer seine Frau, belügt sie, wird von ihr verlassen und bleibt allein zurück. Er mag über seine Einsamkeit klagen. Aber geschieht ihm etwa Unrecht? Da ruiniert einer seinen Körper mit Zucker, Nikotin und Alkohol. Er schlägt die Warnungen des Arztes in den Wind und endet in Krankheit und Siechtum. Aber geschieht ihm etwa Unrecht? Da vernachlässigt einer seine Kinder und überlässt sie sich selbst, weil Erziehung Mühe macht. Später missraten sie und machen ihm nichts als Sorgen. Aber geschieht ihm Unrecht? Da berauscht sich einer an der Schnelligkeit seines Autos, lebt auf der Straße seine Aggressionen aus und sucht dabei den „Kick“. Später verbringt er traurige Jahrzehnte im Rollstuhl. Aber geschieht ihm etwa Unrecht? Man verstehe mich nicht falsch: Natürlich sind diese Menschen zu bedauern. Wir alle sind zu bedauern, weil sich jeder auf seine Weise in Sünde verstrickt und so oder so an den Folgen leidet. Wir schneiden uns damit ins eigene Fleisch, wir spüren den Schmerz – und sind auch noch selbst schuld. Das ist hart! Dass solches Strafgericht aber ungerecht sei, wird niemand sagen können. Denn es besteht lediglich darin, dass wir auslöffeln, was wir uns selbst eingebrockt haben. Wir ernten, was wir gesät haben. Gäbe es eine angemessenere Strafe? Freilich kann man an dieser Stelle einen Einwand erheben: Was ist, wenn die Folgen meines Fehlverhaltens einen anderen treffen, oder – umgekehrt – ich die Fehler eines anderen „ausbaden“ muss? Ist das dann immer noch „gerecht“? In der Tat scheint das Unglück häufig den „Falschen“ zu treffen. Rücksichtslose Autofahrer bringen oft genug andere Verkehrsteilnehmer ins Grab. Und Eltern, die ihren Nachwuchs schlecht erziehen, schaden den Kindern mehr als sich selbst. Die Kosten für die Rehabilitation eines Süchtigen muss die Gesellschaft tragen. Und der untreue Ehemann zerstört das Glück seiner Frau genauso wie sein eigenes. Sollte auch das noch mit dem „Gericht Gottes“ zu tun haben? Nun: Bestimmt nicht immer. Aber manchmal schon. Denn Martin Luther sagt, Gott strafe manchmal „einen Buben durch den anderen“. Das soll heißen: Die Folgen meiner Sünde treffen zwar oft meine Mitmenschen. Zugleich aber treffen mich die Folgen ihrer Sünden. Und nicht selten kommt dadurch so etwas wie „ausgleichende Gerechtigkeit“ zustande. Denn es trifft ja so oder so keinen Unschuldigen. Jeder von uns ist Täter und Opfer zugleich. Und so gesehen ist dann einer die Strafe des anderen. Unsere Strafe besteht darin, dass wir unter Menschen leben müssen, die so sind wie wir. Sünder unter Sündern zu sein, das ist unsere Schuld und unsere Strafe zugleich. Und was andere uns zufügen, trifft uns durchaus verdient, weil wir die anderen ja auf andere Weise ebenso plagen und enttäuschen. Die Menschheit ist so gesehen eine große Gemeinschaft betrogener Betrüger, belogener Lügner, verspotteter Spötter und bestohlener Diebe... Wenn das aber so ist – was folgt dann daraus? Sind wir dann berechtigt, alles über einen Kamm zu scheren, so als sei jeder Schicksalsschlag, der einen Menschen trifft, automatisch eine Strafe Gottes? Keineswegs! Es wäre sehr unangebracht, es Hiobs Freunden gleichzutun und jedem Leidenden zu unterstellen, er habe sein Leiden irgendwie selbst verschuldet. Nein: Wir haben nicht „alles“ irgendwie „verdient“. Aber manches, was uns widerfährt, haben wir durchaus „verdient“. Und vielleicht ist es mehr, als wir meinen. Gewiss bleibt manches Leid auf dieser Welt ein Rätsel. Und dennoch sollten wir, wenn uns etwas Schweres auferlegt wird, nicht gleich jammern und lamentieren, sondern erst einmal in Ruhe darüber nachdenken, ob uns nicht vielleicht Recht geschieht. Denn empören dürfte sich ja nur der, der von sich sagen könnte, er sei „unschuldig“. Und ich kenne niemanden, der das ernsthaft von sich behaupten kann. Darum sollten wir schlicht der Wahrheit die Ehre geben: Viele Gruben, in die der Mensch fällt, hat er sich selbst gegraben. Wir gieren nach gesteigertem Lebensgenuss – und leiden an unserer eigenen Unersättlichkeit. Wir befreien uns von Normen und Autoritäten – und bezahlen es mit Orientierungslosigkeit. Wir beuten die Schöpfung aus – und erleben, wie die Natur aus dem Gleichgewicht gerät. Wir zerstören die Grundlagen der Familie – und spüren wachsende Vereinsamung. Wir idealisieren die Jugend – und kommen mit dem Alter nicht mehr zurecht. Wir manipulieren an den Genen herum – und wundern uns über die Monster, die dabei entstehen. Doch in alledem vollzieht sich (unbemerkt, aber sehr konsequent) Gottes Gericht. Noch einmal sei es gesagt: Das Gericht besteht nicht darin, dass Gott uns die Erfüllung unserer törichten Wünsche verweigern und uns seinen Willen gewaltsam aufzwingen würde. Sondern es besteht im Gegenteil darin, dass er uns unsere törichten Wünsche erfüllt und unseren Willen gewähren lässt. Denn da wir ohne ihn sein wollen, lässt er uns erfahren, wohin wir ohne ihn kommen. Das ist nun keine harmlose Sache. Und nichts daran ist erfreulich. Glauben aber heißt, die Konsequenzen trotzdem anzunehmen und die eigene Verantwortung nicht zu leugnen. Der Gläubige erkennt, dass er den Karren selbst in den Dreck gefahren hat. Und darum fasst er sich an die eigene Nase. Statt Gott für hausgemachte Katastrophen anzuklagen, beugt sich der Glaube seinem Gericht. Und dieses „Sich-Beugen“ fällt ihm umso leichter, als er weiß, dass das Gericht ihn nicht zerstören, sondern bessern soll. Gottes Motiv ist nämlich keineswegs Vergeltung. Nein! Diesen Teil hat Christus durch seinen Sühnetod am Kreuz ein für alle Mal erledigt. Christus hat den vernichtenden Teil der Strafe getragen, damit er den Christen erspart bliebe. Es gibt darum keine Verdammnis für die, die in Christus sind. Was aber bleibt, und was der Gläubige zu spüren bekommt, das hat pädagogischen Sinn: Gott rüttelt uns und schüttelt uns, damit wir zur Besinnung kommen. Er verstellt uns Wege, die wir besser nicht gehen sollten. Und wenn wir auf seine Warnungen nicht „hören“, dann lässt er uns manchmal „fühlen“. Zweifellos kann das sehr bitter sein. Aber es geschieht nicht, weil Gott uns schaden wollte, sondern damit wir aus solchen Prüfungen gereift und geläutert hervorgehen. Der Allmächtige betreibt manchmal eine raue Pädagogik – eine harte Form der Gnade. Und doch ist auch das eine Form von Fürsorge. Darum heißt „glauben“, vor Gottes Gerechtigkeit den Hut zu ziehen, und (wenn überhaupt) nur mit sich selbst zu hadern. Das ist natürlich nicht leicht. Wir würden die Schuld lieber bei Gott oder bei anderen Menschen suchen. Aber wenn ich mir mit einer verfehlten Lebensplanung selbst die Grube gegraben habe und hineingefallen bin, wenn ich im Schlamm gewühlt habe und dabei dreckig geworden bin, dann macht es wenig Sinn, gegen den Himmel zu grollen. Besser wär’s, die Lektion zu lernen, bleiben zu lassen, was mir und anderen zum Schaden gereicht, und endlich zu wollen, was gewollt zu werden wert ist.