Die Bibel misst dem Glauben so große Bedeutung bei, weil er den Gläubigen und den, an den geglaubt wird, zu einer Einheit verbindet. Alles, was der Gläubige begangen hat, wird Christus zu Eigen. Alles aber, was Christus besitzt und vollbringt, wird dem Gläubigen zu Eigen. Wie bei einem armen Mädchen, das einen reichen Prinzen heiratet, ist diese Gütergemeinschaft für den Menschen höchst vorteilhaft: Er überlässt Christus seine Vergänglichkeit und Schuld und empfängt dafür Christi Ewigkeit und Gerechtigkeit.                       

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Gütergemeinschaft mit Christus

Wie macht der Glaube aus Sündern Gerechte?


Dem aufmerksamen Leser kann nicht entgehen, dass die Bibel dem Glauben überaus große Bedeutung beimisst. Denn ob ein Mensch Gott „recht“ ist, das entscheidet sich nach biblischem Zeugnis nicht an seinen Leistungen oder Tugenden, auch nicht an seinem Fleiß oder seinem Erfolg, sondern allein an seinem Glauben. Jesus sagt es überdeutlich: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“ (Mk 16,16) Auf den Glauben kommt es also an. Nur: Warum ist das so? Warum entscheidet von den vielen Aspekten menschlichen Verhaltens gerade dieser eine über Heil und Unheil? Warum hängt das Schicksal eines Menschen ausgerechnet von seinem Glauben ab? Warum nicht von seiner Intelligenz, von seiner Hautfarbe oder seinem Charakter? Was gibt gerade dem Glauben solche Macht und Bedeutung? Wir müssen einen Umweg gehen, um diese Frage zu beantworten. Erinnern sie sich an das Märchen vom „Aschenputtel“, an das Musical „My Fair Lady“ und den Film „Pretty Woman“? Das Grundmotiv dieser drei Geschichten ist sehr ähnlich. Ja, im Grunde wird dreimal dieselbe Begebenheit erzählt: Das arme „Aschenputtel“ muss für seine böse Stiefmutter schwer arbeiten. Doch irgendwann kommt der Königssohn, der Aschenputtel auf sein Pferd hebt und mit ihr zum Schloss reitet, um sie zu heiraten. Die ungebildete Blumenverkäuferin Eliza Doolittle hat keine Ahnung von der Kultur der „besseren Gesellschaft“. Doch Professor Higgins nimmt sich ihrer an, bis sie eine echte „Lady“ geworden ist. Julia Roberts geht im Film der Prostitution nach, um ihre Miete bezahlen zu können. Aber der reiche Geschäftsmann Richard Gere führt sie in das Leben der High Society ein und überschüttet sie mit Luxus und Liebe. Das ist – mit gewissen Abweichungen – immer dieselbe Geschichte. Und doch hören die Menschen sie immer wieder gern und träumen diesen schönen Traum: Da kommt jemand, der mir an Reichtum und Glanz, an Macht und Wissen haushoch überlegen ist. Und der hat nichts anderes im Sinn, als seine ganze Pracht und Herrlichkeit mit mir zu teilen! Er sagt: „Was mein ist, soll künftig auch dein sein!“. Er öffnet die Tür zu einem besseren Leben. Er entführt mich in eine wunderbare Welt. Ich fühle mich geschmeichelt und beglückt, und die staunenden Beobachter sprechen von einer „gute Partie“. Denn wenn ich sehr wenig einbringe und der andere unendlich viel, dann ist „Gütergemeinschaft“ eine feine Sache. Und was hat das nun mit dem Glauben zu tun? Sind wir vom Thema abgekommen? Es scheint nur so. Denn die oben aufgeworfene Frage, warum ausgerechnet der Glaube über Heil und Unheil eines Menschen entscheidet, lässt sich nun recht einfach beantworten: Das Besondere am Glauben ist nämlich, dass er uns mit Christus vereint. Und die in dieser Vereinigung begründete „Gütergemeinschaft“ ist vergleichbar mit dem, was Aschenputtel, Eliza Doolittle und Julia Roberts widerfährt. Ja, was die Begegnung mit Christus bewirkt, ist sogar noch besser. Denn hier ist die menschliche Seele das arme „Aschenputtel“, das nichts zu bieten hat als Schuld, Vergänglichkeit und Angst. Christus aber ist der „Prinz“, der seine Gottheit, Gerechtigkeit und Ewigkeit in die Ehe einbringt. Christus wendet sich dem Sünder zu, obwohl der ihm gar nichts zu bieten hat. Er sagt trotzdem: „Was mein ist, soll künftig auch dein sein!“. Und wenn der Mensch diese Chance ergreift, wenn er sich im Glauben mit Christus vereint, gewinnt er Anteil an allem, was Christus hat. Der Mensch ist dann (durch den Glauben) „in Christus“, und Christus ist (durch den Heiligen Geist) „in ihm“. Das Ergebnis der Verschmelzung ist aber für den Sünder höchst vorteilhaft. Denn alles, was der Gläubige begangen hat, wird Christus zu Eigen, so als hätte es Christus begangen (er trägt unsere Schuld, er büßt unsere Strafe, er geht für uns durch die Hölle). Alles aber, was Christus besitzt und vollbringt, wird uns zu Eigen, so als hätten wir es erworben und vollbracht (seine Ewigkeit und Gerechtigkeit, seine Heiligkeit und sein Gehorsam werden uns zugerechnet). Wenn’s aber das ist, was der Glaube vollbringt, ist es dann ein Wunder, dass die Bibel den Glauben über alles andere stellt? Um es mit Worten Martin Luthers zu sagen: „Man muss richtig von dem Glauben lehren, durch den du so mit Christus zusammengeschweißt wirst, dass aus dir und ihm gleichsam eine Person wird, die man von ihm nicht losreißen kann, sondern beständig ihm anhangt und spricht: Ich bin Christus; und Christus wiederum spricht: Ich bin jener Sünder, der an mir hängt und an dem ich hänge. Denn wir sind durch den Glauben zu einem Fleisch und Bein verbunden, wie Eph. 5,30 steht: „Wir sind Glieder des Leibes Christi, von seinem Fleisch und Gebein.“ So, dass dieser Glaube Christus und mich enger verbindet als Gatte und Gattin verbunden sind.“ Luther wird nicht müde, diesen wunderbaren Vorgang in vielfältigen Begriffen und Bildern zu beschreiben: Wie ein Ring den Edelstein fasst und festhält, so fasst der Glaube Christus. Wie ein Bäcker verschiedene Zutaten vermengt, so dass sie untrennbar werden, so werden der Christ und Christus durch den Glauben „ein Kuchen“. Wie die Glieder des Leibes eins sind mit dem Haupt, so sind die Gläubigen eins mit ihrem Herrn. Es geht dabei zu, wie wenn ein Bettler und ein Edelmann die Kleider tauschen: Christus nimmt unsere alten Lumpen, er schlüpft in das Fellgewand Adams, das von Schuld besudelt und beschmutzt ist. Wir aber hüllen uns in den strahlenden Mantel seiner Gerechtigkeit und werden bekleidet mit der Herrlichkeit Christi. Wer hätte jemals einen besseren Tausch gemacht? Das Ziel dieses „Kleidertausches“ ist aber nicht, dass wir uns, sondern dass wir Gott gefallen und vor ihm bestehen können als solche, die „in Christus“ sind. Denn Gottes Sohn wurde Mensch, damit wir Menschen göttlich würden. Er schlüpft in unsere Haut, er tauscht die Rollen, er verwischt bewusst die Grenzen zwischen ihm und uns – damit wir bei ihm geborgen sind, umfangen von seiner Gnade und eingehüllt in seine Barmherzigkeit. Glaube ist demnach viel mehr als die religiöse „Meinung“ eines Menschen. Er ist mehr als eine anerzogene „Gewohnheit“ oder eine „Ansicht“ über Gott. Denn er ist das Band, das den Menschen mit Christus verbindet, ja das ihn mit Christus so vereint, dass die beiden vor Gott und der Welt ununterscheidbar werden. Auf diese Weise in Christus einzugehen, in ihm aufzugehen und dadurch erlöst zu werden – das ist es, was der Glaube schenkt, und was niemand ohne den Glauben haben kann. Denn nur der Gläubige versteht, was Paulus mit jenem herrlichen Wort beschreibt: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2,20)