Der Mensch ist dazu bestimmt, Gottes Ebenbild zu sein. Doch ist dies nicht als „Gottähnlichkeit“ misszuverstehen. Gemeint ist vielmehr eine gegenbildliche Entsprechung wie sie zwischen Siegelring und Siegelabdruck besteht: Der Mensch ist bestimmt, zu empfangen, wo Gott schenkt, zu gehorchen, wo Gott befiehlt, zu folgen, wo Gott ruft. Bisher verfehlen alle Menschen dieses Ziel,

bis auf einen: Jesus Christus ist das wahre Ebenbild Gottes und dadurch der Maßstab des wahrhaft Menschlichen.                                                                          zum nächsten Video 


Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde

Was ist das Wesen und die Bestimmung des Menschen?


Es gibt eine Frage, in der wir eigentlich alle Experten sein müssten, weil sie uns unmittelbar betrifft. Und doch bringt uns gerade diese Frage in Verlegenheit – wenn nämlich jemand fragt, was eigentlich ein „Mensch“ ist. Was ist ein Mensch? Was macht den Menschen zum Menschen? Das müssten wir eigentlich beantworten können, denn schließlich geht es um uns selbst, um das spezifisch „Menschliche“ unserer Natur, das uns von den Tieren abhebt und uns eine besondere Würde verleiht – nämlich „Menschenwürde“. Man sollte meinen, dass wir darüber Bescheid wissen. Und doch, wenn ich Konfirmanden danach frage, kommen sie schnell in Schwierigkeiten: „Was ist der Mensch?“ – „Na ja, der Mensch ist ein Lebewesen“ sagen sie. Aber das sind auch die Fliege an der Wand und der Wurm im Garten. Die biologischen Grundprozesse haben wir mit den Tieren gemein, und darum kann in ihnen das spezifisch „Menschliche“ nicht beschlossen liegen. „Hm“ – sagen die Konfirmanden dann. „Der Mensch beherrscht als einziger den aufrechten Gang“. Aber wenn uns das zu Menschen machte, dann wäre der Gelähmte, der im Rollstuhl sitzt, kein Mensch mehr. Und das will im Ernst keiner behaupten. „Na, ja“ heißt es schließlich „Der Mensch kann denken, er ist klug“. Aber wenn es allein der Verstand wäre, der uns zu Menschen macht, dann würden die Säuglinge, die geistig Behinderten und die dementen Alten aus dieser Definition schnell herausfallen. Sie würden mangels geistiger Fähigkeiten den Status des „Menschen“ verlieren. Und zugleich müsste man folgern, dass die besonders Klugen aufgrund ihrer Klugheit in höherem Grade „Mensch“ wären als die anderen. Das verneinen meine Konfirmanden natürlich. Und dann macht sich Ratlosigkeit breit. Denn an dieser Stelle merkt jeder, was für gefährliche Folgen es hat, wenn man die Wesensbestimmungen des Menschen auf seine geistigen Leistungen gründet. Es ist dann nämlich ganz leicht, jemandem die menschliche Würde abzuerkennen, sobald er diese Leistungen nicht erbringt. Das kann nicht richtig sein. Aber was ist es dann? Was macht dann den Menschen zum Menschen – was unterscheidet ihn vom Tier? Die biblische Schöpfungsgeschichte gibt auf diese Frage eine ganz eigene Antwort. Denn das besondere Kennzeichen des Menschen ist in der Bibel, dass er zum Ebenbild Gottes geschaffen wurde: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ So steht’s geschrieben. Nur: Was soll es besagen? Wer unbefangen hört, der Mensch sei Gottes „Ebenbild“, der beginnt nach Ähnlichkeiten zu suchen. Denn üblicherweise sagt man ja, ein Junge sei das „Ebenbild“ seines Vaters, wenn er die gleiche Nase hat, die gleiche Augenfarbe und vielleicht die gleichen Ohren. Wir unterstellen, ein Ebenbild müsse dem Vorbild ähnlich sein und müsse ihm möglichst gleichen wie ein Ei dem anderen gleicht. Wenn wir das aber auf uns und Gott übertragen, kommen wir zu absurden Konsequenzen. Denn wenn Gott sich den Menschen zum Ebenbilde schafft, kann das ja nicht bedeuten, der Mensch sei genauso allmächtig, genauso allwissend und barmherzig, so allgegenwärtig und ewig wie Gott. Das ist ganz offenbar Unfug. Denn sollten wir Gott gleichen wie eine Briefmarke der anderen, so müssten aus Menschen Götter werden. Das kann nicht gemeint sein. Was ist aber dann ein „Ebenbild Gottes“? Ich meine, wir verstehen den biblischen Begriff besser, wenn wir an den Abdruck denken, den ein Siegel hinterlässt, wenn es in das heiße Siegelwachs gedrückt wird. Der Abdruck, der im weichen Wachs entsteht, ist nämlich ein genaues Ebenbild des metallischen Siegels, das den Abdruck erzeugt. Und dennoch entsprechen den Vertiefungen im Siegel nicht etwa Vertiefungen im Wachs, sondern Erhöhungen – und den Erhöhungen im Siegel entsprechen im Wachs nicht Erhöhungen, sondern Vertiefungen. Wir finden im Wachs also keineswegs ein zweites Siegel, da entsteht kein identischer Zwilling, aber wir finden im Wachs ein präzises Abbild. Und genau so etwas sollen wir Menschen sein im Gegenüber zu Gott, dem wir zwar niemals gleichen werden, dem wir aber durchaus entsprechen können: Gottes Allmacht entsprechen wir, wenn wir nicht versuchen unser selbst mächtig zu sein. Und Gottes Ewigkeit entsprechen wir, wenn wir unsere eigene Endlichkeit annehmen. Gottes Barmherzigkeit entsprechen wir, indem wir darauf vertrauen. Und Gottes Gebieten entsprechen wir, indem wir gehorchen. Wo Gott ruft, da sollen wir antworten. Wo er Zusagen gibt, sollen wir ihm glauben. Und wo er spricht, sollen wir zuhören. Das ist natürlich nicht die Art, wie eine Briefmarke der anderen gleicht. Nein! Aber es ist die Art, wie der Abdruck im Siegelwachs dem Siegel entspricht, weil es von ihm die Prägung erhält. Und genau so sollen wir uns prägen lassen von Gottes Wirken an uns: Wo er uns beschenkt mit dem täglichen Brot – da sollen wir’s mit Dank empfangen. Und wo uns seine Gebote warnen – da sollen wir die Finger von lassen. Wo Gott uns Grenzen setzt – da sollen wir sie akzeptieren. Und wo er uns einlädt fröhlich zu sein – da sollen wir uns nicht bitten lassen. Seiner Liebe entsprechen wir, indem wir sie an andere weitergeben. Und sein Zorn spiegelt sich in unserer Buße. Gottes Treue entspricht unser Bekenntnis. Und aus seinen Verheißungen speist sich unsere Hoffnung. Denn eben dazu hat uns Gott geschaffen, dazu hat er den Menschen bestimmt, dass er sein Ebenbild und Gegenüber sein soll – darin liegt der besondere Sinn unseres menschlichen Daseins. Denn die Pflanzen und die Tiere, so sehr Gott sie liebt, können ihm doch auf diese Weise nicht entsprechen. Die Tiere haben keine Worte zum Lobpreis, sie sprechen keine Gebete, sie können Gottes Gedanken nicht folgen, sie erzählen nicht von seinen Wundern und singen auch keine Choräle. Gottes Größe ist ihnen nicht bewusst und sie haben nicht die Freiheit, „Du“ zu ihm zu sagen. Der Mensch aber kann seinem Schöpfer ein verständiges, antwortendes Gegenüber sein – und entspricht so seiner Bestimmung zum Ebenbild Gottes. Doch entspricht der Mensch dieser Bestimmung tatsächlich? Leben wir das ganz besondere, ganz auf Gott bezogene Mensch-Sein, das wir gerade beschrieben haben? Sind wir so? Nein. Es gilt realistisch zu sein. Und die theologische Tradition lehrt darum, dass die Ebenbildlichkeit des Menschen verloren ging, als er sich dem Bösen öffnete. Sie zerbrach im Sündenfall. Und seither steht unser Leben nicht mehr in harmonischem Verhältnis zum Wirken Gottes, sondern im Gegensatz dazu: Wo Gott uns beschenkt, sagen wir meistens nicht danke. Und wo er „halt“ ruft, gehen wir oft weiter. Gottes Einladungen werden vielfach ignoriert. Seine Liebe findet keine Erwiderung. Und seine Warnungen verhallen ungehört. Zwischen Gott und Mensch ist ein Missverhältnis eingetreten. Wir passen zusammen wie Pizza und Schokoladensoße. Wir passen in Gottes Plan wie Sand ins Getriebe. Wir passen eigentlich gar nicht mehr zu Gott. Und das heißt: Der Abdruck, den Gottes Siegel im Wachs der menschlichen Natur hinterlassen hat, der ist zerkratzt und entstellt. Gottes Ebenbild in uns ist fast unkenntlich geworden. Und das wahre Mensch-Sein findet so gar nicht statt. Das ist gewiss keine gute Nachricht. Aber die Lage ist nicht aussichtslos. Denn wenn wir auch die Ebenbildlichkeit selbst verloren haben, so haben wir doch die Bestimmung zum Ebenbild Gottes nicht verloren. Da ist ein Teil unseres Erbes, den wir nicht verschleudern konnten. Und ich meine, dass wir ihn nun unbedingt festhalten sollten. Denn zum Ebenbild Gottes „bestimmt“ zu sein, das ist uns geblieben, daran hängt das Menschsein des Menschen – und das ist auch der Grund seiner menschlichen Würde! Wäre es die Vernunft, auf der diese Würde fußte, wäre es die Sprache, der aufrechte Gang oder sonst eine besondere Leistung, so wäre die Menschenwürde verlierbar. Den ungeborenen Kindern käme sie genauso wenig zu wie den geistig Behinderten und den dementen Alten. Sie fielen aus der Definition des Menschseins ganz schnell heraus! Liegt aber das Wesen des Menschen in seiner Bestimmung zum Ebenbild Gottes, so ist diese Bestimmung unverlierbar. Sie ist nicht Leistung, sondern Gnade, und bleibt doch als gnädige Gabe zugleich eine Aufgabe, der wir uns stellen können. Denn durch den Glauben haben wir die Chance, etwas von dem entstellten Ebenbild in uns wiederzugewinnen. Derzeit bleiben wir zurück hinter dem wahren Mensch-Sein, zu dem wir berufen sind. Wir hinken unserer Bestimmung hinterher. Wir sind noch nicht, was wir sein sollen. Uns fehlt ganz viel, um Gottes Ebenbilder zu sein. Aber entmutigen muss uns das nicht. Denn Gottes große Einladung, von ihm her und auf ihn hin zu leben, wird deswegen nicht zurückgenommen. Vielmehr hat er uns auf dem Wege zum vollen Mensch-Sein das denkbar beste Vorbild vor Augen gestellt. Er hat uns Jesus Christus gesandt, der der einzige vollendet “ebenbildliche“ Mensch war. Und durch seine Gnade ermutigt und befreit, dürfen wir uns im Glauben aufmachen, auch selbst im vollen Sinne „Mensch“ zu werden. Will man das Gesagte zusammenfassen, so kann man es darum in eine Aufforderung kleiden, die albern klingt, die aber dennoch ein ganzes Lebensprogramm in sich birgt: „Mach’s wie Gott – werde Mensch“.