Bei Gott funktioniert Demokratie andersherum. Denn er ist ein König, der sich sein Volk wählt. Und er tut es nicht, weil die Erwählten etwas Besonderes wären, sondern sie sind nur deshalb etwas Besonderes, weil Gott sie erwählt. Gottes Wahl gründet in nichts anderem als in Gottes Freiheit, so dass wir als Christen nicht sind, was wir sind, weil wir uns für Gott, sondern weil er sich für uns entschieden hat. Wir verdanken unseren Glauben seiner Zuwendung zu uns. Und das ist gut so. Denn was unsere zittrigen Hände nicht halten, können sie auch nicht fallenlassen!                                                                                                         zum nächsten Video 


Gottes Volk und Prädestination

Erwählt Gott uns – oder erwählen wir ihn?


Wenn der Bundestag gewählt wird, haben wir eine große Auswahl an Politikern und Parteien. Und wenn wir einkaufen gehen, haben wir auch die Wahl. Wir genießen es, dass die Angebote vielfältig sind. Und wenn wir uns entspannen wollen und den Fernseher anmachen, um zwischen 70 verschiedenen Programmen zu wählen, finden wir das angenehm. Denn wer wählen kann, ist frei und verfügt wählend über die Macht der Entscheidung. Die freie Auswahl zu haben, ist ein Vorteil, der vom Gefühl der Souveränität begleitet wird. Und es ist von daher kein Wunder, dass der Mensch gern auch die Wahl haben möchte, was seine Religion betrifft, und auch in diesem Bereich umworben werden will, wie ihn die politischen Parteien umwerben, die Kaufhäuser und die Fernsehsender. Am besten sollen sich auch die konkurrierenden Götter zur Wahl stellen, damit der Mensch souverän entscheiden kann zwischen Jahwe und Buddha, Allah und Krishna. Das würde uns gefallen! Denn wir sehen uns gern als Einkäufer auf dem weltanschaulichen Markt – und erwarten, dass auch dort der Kunde König sei. Doch schaut man mit solchen Erwartungen in die Bibel hinein, erlebt man eine Überraschung. Denn bei Gott funktioniert Demokratie offenbar andersherum: Der Gott der Bibel ist ein König, der sich sein Volk wählt. Es verhält sich also nicht der Mensch Gott gegenüber sichtend, prüfend und entscheidend – sondern Gott verhält sich dem Menschen gegenüber sichtend, prüfend und entscheidend. Gott wählt sich sein Volk – er wird nicht gewählt. Und wenn jemandem nicht klar ist, dass darin die Souveränität Gottes zum Ausdruck kommt, dann bekommt er es von Mose unmissverständlich erklärt: „Mose sprach zum Volk Israel: Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.“ Es ist nicht zu überhören, dass da von Gottes Liebe die Rede ist. Erwählung hat mit Liebe zu tun! Und doch wird den von Gott Geliebten recht unverblümt gesagt, dass sie diese Liebe nicht etwa auf ihre herausragenden Qualitäten zurückführen dürfen. Nein! Gott hat sich zwar aus den vielen großen und kleinen Völkern, die er zur Wahl hatte, das Volk Israel erwählte, dass es „sein“ Volk sei. Er wollte nicht die Inder oder die Azteken, er wollte nicht die Eskimos oder die Madagassen in dieser Weise auszeichnen. Damit sich die Israeliten aber nichts darauf einbilden, wird ihnen ausdrücklich bescheinigt, dass sie diese Erwählung keiner besonderen Qualität verdanken. Nein, sagt Mose: Glaubt nur nicht, ihr würdet den anderen Völkern vorgezogen, weil ihr klüger oder größer, tapferer oder edler wärt. Tatsächlich seid ihr ein unbedeutendes Volk. Sondern macht euch bewusst, dass es sich genau umgekehrt verhält: Ihr wurdet von Gott nicht zu seinem Volk erwählt, weil ihr etwas Besonderes seid, sondern nur deshalb, weil Gott euch erwählt hat, seid ihr nun etwas Besonderes. Gott ist es, der euch aus der Masse der Völker hervorgehoben hat. Aber für diese unverdiente Wahl gibt es keinen anderen Grund als eben nur, dass Gott sich euer erbarmte, und eurem Vater Abraham diesen Bund versprochen hat. Gottes Erwählen gründet in nichts anderem als in Gottes Freiheit, heißt das, darum glaubt bitte nicht, „erwählt zu sein“ sei ein Verdienst, dessen ihr euch rühmen dürftet. Denn wenn Gott sich jemandem zuwendet, um ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken, dann ist das Gottes freie Entscheidung, auf die der Mensch keinerlei Einfluss hat. Nun gut, könnte man sagen. Wir nehmen das zur Kenntnis. Es ist wichtig für die Israeliten, was da gesagt ist. Sie haben nicht gewählt, sondern wurden erwählt. Aber geht das uns etwas an? Betrifft es uns, da wir doch keine Juden sind, und uns dem Gefühl nach auch nicht „erwählt“ vorkommen? Oder sind wir etwa doch „erwählt“? Ja, alle Christen sind’s! Ohne dass uns Gott zu seinem Volk berufen hätte durch die Taufe und den Glauben, wären wir nicht Kirche. Denn wenn wir auch dem „Alten Gottesvolk“ der Juden nicht angehören, so bilden wir doch mit der ganzen Christenheit das „Neue Gottesvolk“ der Kirche. Wir stehen nicht im „Alten Bund“ durch Mose, aber wir stehen im „Neuen Bund“ durch Christus. Und wir sind dadurch in einem ganz ähnlichen Sinne „erwählt“ wie Israel. Denn auch als Christen sind wir aus der Masse der Heiden herausgerufen und sollen uns der Welt nicht gleichstellen, sondern sind vielmehr berufen, im Kontrast zu dieser Welt und in besonders enger Beziehung zu Gott zu leben. Diese Berufung haben wir uns ebensowenig selbst ausgesucht wie Israel. Wir haben nicht gewählt, sondern wurden gewählt. Und wenn wir trotzdem mit der Vorstellung leben, im Warenhaus der Religionen freie Auswahl zu haben, dann ist das ein großer Irrtum. Denn an Gottes persönlichem Stil, in souveräner Freiheit die zu wählen, mit denen er näher zu tun haben will, hat sich seit Moses Zeit nichts geändert. Auch wir sind, was wir sind, nicht etwa, weil wir uns für Gott, sondern weil Gott sich für uns entschieden hat. Auch wir verdanken unseren Glaubenstand seiner Zuwendung zu uns. Nur, dass dieser Gedanke dem neuzeitlichen Bewusstsein viel schwerer eingeht und viel schwerer zu vermitteln ist, weil wir in demokratischen Gesellschaften gern unterstellen, auch das Verhältnis zwischen Gott und Mensch müsse demokratisch geordnet sein. Doch Demokratie heißt: Herrschaft des Volkes. Und eine solche kann es Gott gegenüber nicht geben. Vielen Menschen widerstrebt das! Sie meinen, sie seien Christen aus eigenem Entschluss – und das Christentum stehe auch jedem offen, der sich dazu entschließen will. Die Möglichkeit zu glauben, scheint ihnen so allgemein wie das allgemeine Wahlrecht. Sie haben den Eindruck, es stünde ihnen frei, ihren Glauben nach eigenem Geschmack zu wählen, wie die Farbe ihrer Hemden. Doch die Bibel zeichnet ein ganz anderes Bild, das weniger demokratisch als autoritär erscheint. Denn in biblischer Sicht ist nicht das Volk souverän, sondern Gott ist souverän, sich das Volk zu wählen, das er haben will. Nicht wir prüfen Gottes Angebot, um ihm großzügig den Zuschlag zu geben, wenn die Konditionen gefallen. Sondern er prüft uns. Er trifft seine Entscheidung. Und Einsprüche gegen seine Entscheidung haben keine Aussicht auf Erfolg. Denn wenn wir im Neue Testament nachlesen, wie Jesus seine Jünger beruft, dann wartet auch er nicht auf ihre Bewerbung, sondern verfährt wie ein Monarch, der sich Soldaten rekrutiertet, indem er mit dem Finger auf irgendwelche junge Burschen zeigt und sagt: „Den will ich, den und den. Nehmt sie und steckt sie in eine Uniform.“ Nun gut, könnte man sagen – er ist schließlich Gott. Vielleicht könnte man ihm das autoritäre Verfahren zugestehen, wenn er sein Erwählen wenigstens einleuchtend begründete. Es könnte den Gläubigen immerhin schmeicheln, zu erfahren, warum Gott sie anderen vorzog. Und wenn Gott sich außerdem verpflichtete, alle gleich zu behandeln (und möglichst keinen zu verwerfen), dann könnte man seine Freiheit vielleicht akzeptieren. Aber nichts von alledem findet statt. Und das ist durchaus hart. Denn weder fühlt Gott sich bemüßigt, uns seine Entscheidungen zu erklären, noch unterwirft er sich unseren Vorstellungen von Fairness und Gleichbehandlung. Sondern Gott erwählt und verwirft, wie es ihm gefällt. Manchen braven Mann, der „Hier“ schreit, lässt er achtlos stehen. Und manchen krummen Hund, der mit Gott nichts zu tun haben will, pickt er sich liebevoll heraus. Gott nimmt sich die Freiheit, willkürlich zu verfahren – und nichts zu erklären. Und genau so wenig wie bei Israel kümmert er sich bei uns um die Vorzüge und Talente, auf die wir so stolz sind. Darum stellt ein Christ zwar irgendwann fest, dass Gott sich ihm zugewandt hat – er findet sich beschenkt und durch sein Christ–Sein quasi geadelt. Der Grund ist aber weder, dass er sich klug dazu entschlossen hätte, noch dass er sich dazu besonders eignete, sondern er ist „Gottes Kind“ einfach nur, weil Gott es in seiner Barmherzigkeit so gewollt hat. Und das ist – bei aller Freude – doch auch ernüchternd. Denn damit ist die ganze Sache sowohl unserem Verstehen als auch unserer willentlichen Einflussnahme entzogen. Und man kann unter diesen Umständen auf seinen Christenstand auch kaum stolz sein, sondern muss sich über die unverdiente Gnade unablässig wundern. Wir meinen, es müsse in unserem Belieben stehen, ob wir Gottes Geist in uns wirken lassen. Wir meinen, er müsse um Erlaubnis fragen. Und fair erschiene es uns, wenn Gott es dann jedem selbst überließe, ob er erlöst werden will oder nicht. Doch so einen schüchtern anfragenden Gott, kennt weder das Alte noch das Neue Testament. Auch Jesus verfährt bei der Wahl seiner Jünger nach Gutsherrenart. Und er sagt ihnen das auch einmal auf den Kopf zu: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Joh 15,16) Nicht die Jünger haben einen religiösen Verein gegründet, um anschließend Jesus zum Vorsitzenden zu wählen. Sondern Jesus trat unter sie als unstrittige Autorität und erklärte sie zu seinen Schülern. Ohne lange zu fragen sagte er: „Du, du und du – lasst alles stehen und liegen und folgt mir nach.“ Und manch einen, der ihm als Jünger folgen wollte, hat Jesus ohne weitere Begründung nach Hause geschickt. Jesus hat es nicht den Jüngern überlassen, ob sie zu ihm gehören wollten. Sondern er hat ihnen die Hand auf die Schulter gelegt und hat sie für Gottes Sache in Anspruch genommen. Wenn das aber so ist, dass nicht wir Gott erwählen, sondern Gott uns, wenn Gott sein Verfahren auch heute nicht geändert hat – was folgt dann daraus? Ist das für uns dann bloß eine Erinnerung an Gottes große Freiheit, die uns einen Schauer über den Rücken jagt, weil Gott nun einmal der Töpfer ist, und wir bloß der Ton in seinen Händen? Nein, es steckt noch mehr darin. Und es steckt vor allem viel Tröstliches darin. Denn wenn man die gewisse Kränkung die in Gottes Fremdbestimmung liegt, verwunden hat, kann man entdecken, dass Gottes erwählendes Handeln auch ungemein beruhigend ist. Denn bedenken sie: Wie verlässlich könnte unser Bund mit Gott sein, wenn er darauf beruhte, dass wir nach Gott Hand greifen und uns an ihm festhalten würden? Meinen sie nicht, unsere Willens- und Glaubenskraft, mit der wir uns an ihn klammern, wäre sehr begrenzt? Könnte das Gewicht von Schuld und Angst, das uns von Gott wegzieht, nicht schnell zu groß werden? Unser Wille unterliegt bekanntlich großen Schwankungen. Unser Glaube ist schwach. Und entsprechend unsicher wäre unsere Bindung an Gott, wenn wir ihn erwählten. Der Bruch dieser Bindung wäre nur eine Frage der Zeit, und der Absturz wäre absehbar, weil es allein auf die Festigkeit unseres Griffes ankäme. Wenn es aber tatsächlich umgekehrt ist, wenn der Bund des Glaubens zustande kommt durch Gottes Zugriff auf uns, ist die Verbindung dann nicht viel verlässlicher? Ist es nicht besser, der Starke trägt den Schwachen auf starken Armen, als dass der Schwache sich mit seinen schwachen Armen am Starken festzuhalten versucht? Und ist es so gesehen nicht gut und weise, dass Gott die Entscheidung über unser Heil nicht uns überlässt? Nicht wir haben uns für Gott entschieden, sondern er hat sich für uns entschieden. Nicht wir halten uns an ihm, sondern er hält uns. Und das ist in der Tat viel besser so. Denn Gottes Arme werden niemals müde. Und was immer auch an uns klebt und auf uns lastet: Wir werden ihm doch niemals zu schwer. Gottes Griff lockert sich nicht. An Gottes Ratschluss beißt keine Maus einen Faden ab. Und das ist ungeheuer tröstlich. Denn es bedeutet, dass unsere Erwählung so fest steht wie Gottes Wille selbst. Da wackelt nichts, weil Gott nicht wackelt! Und das zu wissen, ist wahrhaft befreiend. Denn was ich nicht in meiner Macht habe, das kann auch meine Dummheit nicht verderben. Was meine zittrigen Hände nicht halten, das können sie auch nicht fallenlassen. Und wenn Gott mich grundlos liebt, dann kann ihm der Grund dieser Liebe auch nicht verlorengehen. Es ist darum gut so, dass alles an Gottes freiem Erwählen hängt. Und bei Lichte besehen kann niemand wünschen, dass es anders wäre…