Alle Menschen hoffen und erstreben etwas, das sie erjagen wollen, um darin Glück und Frieden zu finden. Doch – ob sie’s wissen oder nicht: Eigentlich ist es immer Gott, den sie suchen. Denn was könnte in der Welt an Gutem ent-halten sein, wenn nicht das, was der Schöpfer von seiner eigenen Herrlichkeit hineingelegt hat? Wenn ein Mensch also sucht, was ihm Erfüllung schenkt, sucht er eigentlich Gott – und schade ist es, wenn er sich mit dem irdischen Abglanz und Widerschein göttlicher Herrlichkeit zufrieden gibt, ohne ihren Ursprung zu suchen!                                                                                                                           zum nächsten Video

Sehnsucht und Erfüllung

 Wonach sucht der Mensch?

 

Ist ihnen einmal aufgefallen, wie sehr das Leben einer großen Suche gleicht – und wie die Menschen sich ständig auf der Jagd befinden nach diesem oder jenem? Ob einer jung ist oder alt, ob er viel oder wenig hat, es sind doch alle irgendwie hungrig und voller Sehnsucht, hoffen auf etwas und streben nach etwas, das sie erjagen wollen, um darin Glück und Frieden zu finden. Unruhig ist der Mensch auf der Suche nach Ruhe, hält ständig Ausschau, um endlich zu finden, kämpft und müht sich und läuft durch die Welt in der Erwartung, einmal anzukommen. Doch wo will der Mensch eigentlich ankommen? Und was ist es, das er jagt? Worauf richtet sich das ungestillte Verlangen? Ist das bei jedem verschieden – oder ist es am Ende bei allen das Gleiche? Auf den ersten Blick scheint es, als suche jeder nach etwas anderem. Denn der eine bekommt nicht genug von der Geselligkeit im Verein und am Stammtisch. Und der andere sitzt stundenlang am Fluss, um beim Angeln die Ruhe und die Einsamkeit zu genießen. Dieser sucht seinen Kick beim Fallschirmspringen oder in sonstigen Abenteuern. Und jener liebt es, geborgen und sicher mit einem Buch hinter dem Ofen zu sitzen. Manche gieren nur nach Erfolg, Ruhm und Anerkennung. Und andere kriegen nicht genug von Sonne, Strand und Meer. Das alles scheinen ganz verschiedene Interessen zu sein, weil man Glück und Befriedigung an ganz unterschiedlichen Punkten sucht. Aber könnte es nicht sein, dass die Menschen doch alle dasselbe suchen – und dabei nur verschiedene Wege gehen? Könnte es nicht sein, dass sie für das Ziel ihrer Sehnsucht gar keinen richtigen Namen kennen, sondern nur wie Spürhunde einer Witterung folgen, die sie einmal aufgenommen haben? Tatsächlich meine ich, dass alle Menschen dasselbe suchen, und dass es – ob sie’s wissen oder nicht – eigentlich immer Gott ist, den sie suchen. Denn wenn ich einem schönen Besitz nachjage oder einer schönen Frau, wenn ich nach tollen Erlebnissen lechze oder nach dem Gefühl von Macht: Suche ich diese Dinge dann etwa wegen dem Schlechten, das in ihnen liegt? Suche ich sie nicht wegen dem Guten, das in ihnen enthalten ist? Was aber könnte in irgendeiner geschöpflichen Wirklichkeit an Gutem enthalten sein, wenn nicht das, was der Schöpfer hineingelegt hat? Und was sollte das sein, was er da hineingelegt hat, wenn es nicht ein kleines Stück wäre von seiner eigenen Herrlichkeit und Fülle? Was immer mich an der Natur fasziniert, das hat Gott der Natur verliehen, und es scheint mir so vollkommen, weil es seine Vollkommenheit spiegelt. Was mir groß erscheint in der Kunst, erscheint mir so, weil Gott etwas von seiner Größe darin abgebildet hat. Und was mir süß oder warm oder hell vorkommt an irgendeiner Kreatur, das ist die Süße, Wärme und Helligkeit Gottes, die er aus dem Seinen genommen und in die Kreatur hineingesteckt hat. Denn was hätten die Geschöpfe Gutes an sich oder in sich, das sie nicht von Gott empfangen haben? Alle Dinge sind gerade so gut, wie sie an Gottes Gutheit Anteil haben! Wenn ein Mensch also hier oder dort nach dem sucht, was ihm Erfüllung schenkt – wenn er wie ein Jagdhund die Witterung aufgenommen hat und rennt und kämpft und begehrt und erstrebt –, begehrt und erstrebt er dann nicht eigentlich Gott? Natürlich weiß der Mensch das nicht! Denn er geht ins Konzert oder er geht angeln, er träumt von der Südsee oder vom Lottogewinn. Und wenn man ihm sagte, dass es dabei letztlich um Gott geht, würde er verständnislos den Kopf schütteln. Er meint ja Friede, Glück und Schönheit Kraft, Wahrheit und Geborgenheit gehörten zur Natur dieser Welt, er meint, was er sucht, läge in der Substanz der Dinge. Er sieht nicht den Schöpfer dahinter, dessen Leihgabe das alles ist. Und doch ist der Glanz, der den Menschen blendet und geradezu süchtig macht, Gottes eigener Glanz, den man nur irrtümlich den Dingen zuschreibt, weil man seine Quelle nicht kennt. Meister Eckhart, ein großer Theologe des Mittelalters, schreibt: „Gott hat seine Liebe in alle Kreatur ausgebreitet und ist doch in sich selbst Eins geblieben. Da an allen Kreaturen, und zwar an einer jeglichen, etwas Liebenswertes ist, darum liebt eine jegliche Kreatur, wennanders sie vernunftbegabt ist, an der andern etwas, das ihr gleicht. Darum verlangen die Frauen manchmal nach Rotem, weil sie ihre Befriedigung der Lust am lustvollen Anblick des Roten entnehmen wollen, und wenn sie ihre Befriedigung darin nicht finden, so verlangen sie ein ander Mal nach Grünem, und doch kann ihr Verlangen nicht erfüllt werden und das liegt daran: sie nehmen nicht nur die einfache Lust an sich, sondern nehmen das Tuch hinzu, das Träger der Farbe ist, die lusterregend erscheint. Und da in solcher Weise an einer jeglichen Kreatur etwas Lusterregendes in Erscheinung tritt, darum lieben die Menschen bald dies und bald das. Nun leg »dies« und »das« ab: was dann übrigbleibt, das ist rein nur Gott. Wenn einer ein Bild an eine Wand malt, dann ist die Wand Träger des Bildes. Wer nun das Bild an der Wand liebt, der liebt die Wand mit; wer die Wand wegnähme, der nähme auch das Bild weg. Nehmt aber nun die Wand so weg, dass das Bild bestehen bleibt, dann ist das Bild sein eigener Träger; wer dann das Bild liebt, der liebt ein reines Bild. Nun liebet alles was liebenswert ist, und nicht zugleich das, woran es liebenswert erscheint, dann liebst du rein nur Gott.“ Was Meister Eckhart da sagt, mag ungewohnt erscheinen – und vielleicht sogar befremdlich. Aber wenn man seinem Gedanken folgt, erklärt sich so manche Seltsamkeit im menschlichen Leben. Wenn der Mensch nämlich von Gott so geschaffen wurde, dass er stets zu Gott strebt und in nichts anderem Genüge findet als in Gott allein, so erklärt das die Beharrlichkeit, mit der wir auf Erden nach Befriedigung jagen, und es erklärt zugleich, dass wir auf Erden nie und nimmer volle Befriedigung erlangen. Denn hungrig sind unsere Herzen nicht nach den Dingen der Welt, sondern eigentlich nach Gott. Und solange wir ihn nicht haben, müssen wir weiter herumrennen und suchen. Wir jagen wie Süchtige nach dem Stoff, der uns selig macht, denn wir finden ja überall in der Welt verstreute Spuren von Gottes Herrlichkeit, an denen wir uns berauschen. Aber weil wir ständig das geliebte Bild verwechseln mit der kalten Wand, auf die es gemalt ist, umarmen wir die Wand, wir umarmen die Welt, und werden notwendig von ihr enttäuscht. Denn was wir von ihr erhoffen, soll und kann sie gar nicht geben. Vielleicht haben wir von Freiheit geträumt und haben sie auf einer Reise gesucht. Oder wir haben von Liebe geträumt und haben sie von einem Menschen erhofft. Vielleicht haben wir uns Anerkennung gewünscht und darum eine Karriere gestartet. Oder wir haben Geborgenheit gewollt und darum ein Haus gebaut. Gemeint aber haben wir immer Gott und gesucht haben wir immer Gott, so dass wir ohne es zu wissen, nie von etwas anderem geträumt haben, als von ihm. Das Gute an der Freiheit ist nämlich das, was in ihr von Gott enthalten ist. Und auch das Gute an der Liebe oder an der Geborgenheit ist der Anteil, der von Gott darin steckt. Ob wir’s darum wissen oder nicht: All unser Mühen und Kämpfen, all unser Streben und Jagen, all unser Hoffen und Forschen richtet sich auf ihn. Und es wird auch nie irgendwo zur Ruhe kommen, außer bei Gott, weil wir uns am Speiseplan dieser Welt immer nur hungrig essen. Wir hatten und wir haben es immer nur auf Gott abgesehen. Die simple Schlussfolgerung aber kann nur darin bestehen, dass wir künftig dort Erfüllung suchen, wo sie erlangt werden kann. Denn nicht etwa unser Streben ist schlecht, und nicht unsere Sehnsucht ist verkehrt, sondern nur der Weg, auf dem wir Befriedigung suchen, der ist falsch, insofern wir die falschen Objekte lieben. Nicht die Schönheit der Natur sollten wir lieben, sondern in der Natur die Schönheit Gottes, die er der Natur geliehen hat. Nicht die Weisheit der Weisen sollten wir bewundern, sondern in den Weisen die Weisheit Gottes, die er den Weisen verliehen hat. Nicht den guten Geschmack der Speisen sollten wir loben, sondern in den Speisen die Freundlichkeit Gottes, der seinen guten Geschmack in die Speisen gelegt hat. Wahrlich, in mancher Frau manifestiert sich die Anmut, die Gott zu eigen ist, und in manchem Mann manifestiert sich die Treue, die Gott zu eigen ist. Im Felsen steckt Gottes Härte, und im Wasser Gottes Klarheit, die Berge enthalten Gottes Größe und der Wind bringt uns Gottes Fri-sche. Bin ich aber begeistert davon sollte ich dann nicht – begeistert sein von Gott? Suche ich das Erlebnis dieser Dinge nicht wegen dem Guten, das in ihnen enthalten ist? Was aber könnte darin an Gutem enthalten sein, wenn nicht das, was der Schöpfer von seiner eigenen Herrlichkeit und Fülle hineingelegt hat? So haben wir in Wahrheit nie etwas anderes begehrt als Gott, und selbst unsere schlechtesten Taten waren noch ungeschickte Versuche, ihm nahe zu kommen. All die Menschen aber, die in der Welt ihrem Vergnügen nachjagen, werden von demselben Drang getrieben, den sie nur leider nicht verstehen und dessen Ziel sie nicht kennen. In dumpfer Sehnsucht folgen sie Gottes Spuren, aber sie verstehen seine Spuren nicht zu lesen. Und das ist tragisch. Denn worauf immer der Mensch sein Streben richtet, kann so gut sein wie es will, wenn es nicht Gott selbst ist, wird es dem Menschen keinen Frieden geben, sondern nur eine vorläufige und oberflächliche Genugtuung. Ja, die Genugtuung an der Welt wird uns sogar zum Hindernis, durch das wir die höchste Wahrheit nicht erkennen: Denn wer dem Geschöpf zuschreibt, was dem Schöpfer gehört, und vom Geschöpf erwartet, was nur Gott geben kann, dem wird ein Stück Welt zum Götzen. Und so sehr er diesen Götzen dann auch verehrt und sein Herz daran hängt, wird er doch stets schlechten Lohn dafür empfangen. Denn die Dinge dieser Welt, wenn sie auch schön sind und einen gewissen Trost enthalten, enthalten ihn doch nur auf unvollkommene Weise, und können den nicht ersetzen, von dessen Fülle sie genommen sind. Meister Eckhart sagt es recht anschaulich: „Hätte ich alles das, wonach ich zu begehren vermöchte, täte mir aber nur der Finger weh, so hätte ich's nicht alles, denn mir wäre ja doch der Finger wund, und ich hätte daher nicht ganzen Trost solange mir der Finger weh täte. Brot ist dem Menschen gar tröstlich, dafern ihn hungert; wenn ihn aber dürstet, so hätte er am Brote so wenig Trost, wie an einem Steine. Und ebenso ist es mit den Kleidern, wenn ihn friert; wenn's ihm aber zu heiß ist, so hat er keinen Trost an den Kleidern; und ebenso ist es mit allen Kreaturen, und darum ist es wahr, dass alle Kreaturen Bitterkeit in sich tragen. Wohl ist es auch wahr, dass alle Kreaturen innen etwas Trost in sich tragen, wie einen oben abgeschäumten Seim. Der Seim, das ist allzumal das in Gott, was Gutes in allen Kreaturen zusammen sein mag. (…..) Der Trost der Kreaturen aber ist nicht vollkommen, denn er trägt einen Mangel in sich. Der Trost Gottes aber ist lauter und ohne Mangel und ist völlig und ist vollkommen.“ Es steckt in Eckharts Worten gewiss keine Geringschätzung der Welt, sondern durchaus Dank für alles Schöne und Tröstliche, das Gott in die Dinge gelegt hat. Es sind alles Spuren göttlicher Gegenwart, es sind Indizien und Fingerzeige, die uns Lust machen sollen, der Quelle des Guten nachzugehen! Doch wäre es tragisch, wenn wir uns mit dem irdischen Abglanz und Widerschein göttlicher Herrlichkeit zufrieden gäben, ohne ihren Ursprung zu suchen! Nein: Ein begnadeter Mensch ist nicht so bescheiden, dass er die Kopie nimmt, wenn er das Original haben kann, sondern er wird von Meister Eckhart mit einem Jagdhund verglichen, der die Fährte Gottes gewittert hat, und der nun läuft und läuft und – immer den lockenden Duft in der Nase – sich nicht verdrießen lässt, Gott weiter nachzujagen, bis er ihn schließlich gefunden hat. Dass wir aber solchen Hunden gleichen mögen, die in ihrer Ausdauer und Zielstrebigkeit die Spur Gottes niemals verlieren, und sich durch nichts von ihr ablenken lassen, das wünsche ich ihnen und mir!