Es ist Unfug „mit der Zeit zu gehen“, weil „die Zeit“ gar nicht weiß, wo sie hin will. Sie ist kein „jemand“, der etwas von uns fordern könnte, sondern ist bloß die Gelegenheit, die Gott uns gibt, um das Richtige zu tun. „Zeitgemäß“ ist es darum (nicht etwa dem Trend oder der Mehrheit, sondern) der Wahrheit zu folgen und sich auf Ewiges zu besinnen, weil nur das Ewige zu jeder Zeit zeitgemäß ist. „An der Zeit“ ist also nicht, was eh schon alledenken, sondern was Menschen heute begreifen müssen, um morgen nicht von Gottes Handeln überrumpelt zu werden.                                                                                                                      zum nächsten Video 


Zeitgemäßheit

Was ist denn heute „dran“?


Es gibt in unserer Gesellschaft ein ungeschriebenes Gesetz, das besagt, man müsse „mit der Zeit gehen“. Und wenn das einer nicht tut, heißt es, seine Ansichten seien nicht „zeitgemäß“ und er selbst „nicht auf der Höhe der Zeit“. Besonders oft werden Kirche und Glaube mit diesem Argument abgetan. Aber was besagt es eigentlich? Wenn man etwas „unzeitgemäß“ nennt, bedeutet das zunächst nur, dass es heute nicht in Mode ist. Es könnte dann die Mode von gestern sein oder vielleicht die Mode von morgen. Es könnte das sein, was die Mehrheit der Zeitgenossen gerade nicht gut findet, obwohl es gut ist. Oder es könnte sich um Ewig-Gültiges handeln, das keiner bestimmten Zeit gemäß ist, sondern jeder Zeit, weil es immer gilt. Fragt man aber diejenigen, die das Urteil fällen, warum sie etwas für „unzeitgemäß“ halten, bekommt man meist nur die Auskunft, es sei jetzt eben „nicht dran“. Was moderne Menschen ablehnen, erklären sie gern für antiquiert, um damit seine Geltung zu bestreiten. Um dieses Urteil zu begründen, genügt ihnen aber oft schon der Hinweis auf den Geschmack und die Gegebenheiten „der Zeit“ – als wäre „die Zeit“ ein höheres Wesen mit eigener Meinung. Man setzt dabei voraus, dass die gegenwärtige Zeit, wenn sie Ansichten der Vergangenheit verwirft, auf jeden Fall im Recht sei, und hält das Neue schon deshalb für überlegen, weil es „neu“ ist. Da wird dann jede Veränderung als Fortschritt angesehen, und bei jedem Trend will man vorne dabei sein. Wohin die Reise geht, scheint gar nicht so wichtig, wenn man nur als Erster ankommt. Eine Begründung, um derart „mit der Zeit zu gehen“, scheint überflüssig. Denn wenn „unsere Zeit“ etwas nicht zulässt, erscheint ihr Diktat als „höhere Gewalt“, die dem Einzelnen die Last der Entscheidung abnimmt und ihm zum Ausgleich das Gefühl schenkt, „auf der Höhe der Zeit zu sein“ (solange er brav mit der Herde läuft und die Mode mitmacht). Der Mechanismus funktioniert so gut, dass bisher noch jeder Wahnsinn, der in der Menschheitsgeschichte vorkam, seiner jeweiligen Zeit als „zeitgemäß“ präsentiert und zu seiner Zeit als „Gebot der Stunde“ bejaht wurde! Lässt man den menschlichen Herdentrieb aber mal beiseite und fragt ernsthaft, was das Wort „zeitgemäß“ bedeuten könnte, dann kann „zeitgemäß“ nicht das sein, was die Mode der Gegenwart spiegelt, sondern nur das, was die Zukunft ermöglicht. „An der Zeit“ ist nicht, was eh schon alle denken, sondern was Menschen heute begreifen müssen, um morgen nicht überrumpelt zu werden. Denn die Zeit ist kein „jemand“, der etwas von uns fordern könnte, sondern ist die Gelegenheit, die Gott uns gibt, um das Richtige zu tun. Die Zeit will und fordert nichts anderes, als dass ich den Raum nutze, den sie eröffnet, um – nicht etwa dem Trend, sondern – der Wahrheit zu folgen. Und in diesem Sinne (der Zeit als zu ergreifender Gelegenheit) kennt auch das Neue Testament die Forderung, dass einer den Anschluss nicht verlieren soll. Das aber nicht so, dass er einer Mode hinterherhechelt, die niemals zeitgemäß erscheint (außer gerade im Moment), sondern so, dass er sich in der Zeit auf Ewiges besinnt, weil nur das Ewige zu jeder Zeit zeitgemäß ist. Im 5. Kapitel des Epheserbriefes schreibt Paulus: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit.“ Die „böse Zeit auskaufen“ bedeutet, sie für etwas Gutes zu nutzen! Wenn Paulus das aber zu Recht fordert, was ist dann richtig an der Rede von „zeitgemäß“ und „unzeitgemäß“? Richtig ist, dass wir unter Rahmenbedingungen leben, die sich im Laufe der Geschichte ändern können. Wer nicht mitbekommt, dass sich etwas verändert hat, plant und handelt unter falschen Voraussetzungen, so dass er im Zeitfenster der Gegenwart zu tun versäumt, was „an der Zeit“ und notwendig wäre, um Zukunft zu eröffnen. Weil aber das, was Zukunft eröffnet, bestimmt nicht das ist, was ohnehin schon alle denken und tun, darum besteht zeitgemäßes Handeln nicht in der Anpassung an die aktuelle Mehrheitsmeinung. Es ist nicht zeitgemäß, dem Trend von heute nachzulaufen, sondern den von morgen zu setzen. Und genau das meint Paulus, wenn er uns auffordert die böse Zeit „auszukaufen“. Denn das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi hat die Rahmenbedingungen unseres Daseins vollständig verändert. Gott hat Realitäten geschaffen, die man nicht ignorieren darf! Wir befinden uns im Übergang zu einer neuen Weltordnung, die Jesus „Reich Gottes“ nennt! Zeitgemäß und zukunftsträchtig ist es darum, das Zeitfenster der Gegenwart entschlossen zu nutzen, um sich auf das Kommende einzustellen und sich darauf vorzubereiten, solange das noch möglich ist. Alles hat seine Zeit. Heute aber ist es Zeit, nicht einer Mode zu folgen oder dem Geschmack der Mehrheit, sondern der Einladung Gottes. Wer sich heute mit dem Zeitgeist verheiratet, wird morgen Witwer sein. Weil die wahre Zeitansage aber im Evangelium steht, wird ein Mensch, der diesem Evangelium den Glauben versagt, nie „auf der Höhe der Zeit sein“, sondern immer darunter und daneben. Seit Christus für uns starb und auferstand ist Heidentum eine überholte Angelegenheit und der aktuelle Trend heißt Glaube! Denn wohin geht die Zeit? Geht sie nicht unaufhaltsam auf den Jüngsten Tag zu und auf das Reich Gottes? Und heißt dann „mit der Zeit gehen“ nicht, mit ihr gemeinsam auf das Reich Gottes zuzugehen? Wenn das aber bedeutet, sich inmitten der Zeit schon am Ewigen zu orientieren, kann dann dieser vernünftige Trend jemals veralten, wenn doch das Ewige selbst nicht veraltet? Wie kann es zukunftsweisend sein, sich von Gott zu entfernen, wenn es außer Gott und ohne Gott keinerlei Zukunft gibt? Und wie kommt man darauf, das Evangelium sei heute unzeitgemäß, bloß weil es sich schon seit 2000 Jahren bewährt? Wird es irgendwann unzeitgemäß sein, den Durst mit Wasser zu löschen, bloß weil diese Methode schon so „alt“ ist? Nein! Unzeitgemäß ist es, wenn einer im Winter Blumen pflanzen oder im Sommer Schlitten fahren will. Unzeitgemäß ist es, wenn einer das, was zur rechten Zeit funktionieren würde, zur unpassenden Zeit versucht. Doch das Gebot der Stunde, das sich daraus ergibt, lautet nicht, zu tun, was gerade alle tun, sondern zu tun, was jetzt alle tun sollten. Die Forderung lautet nicht, dass ein Mensch denken soll, wie aktuell die Mehrheit denkt, sondern dass er heute denkt, wie morgen die Mehrheit denken muss, um zu überleben. Dass es aber früher richtig war, an Gott zu glauben, und heute nicht mehr richtig sein soll, ist leicht als Unsinn zu erweisen. Denn wenn es Gott nicht gibt, dann ist es zu jeder Zeit falsch, an ihn zu glauben, und war auch früher falsch. Und wenn es Gott gibt, dann ist es zu jeder Zeit richtig, an ihn zu glauben, und ist es auch heute. Wenn der ewige Gott aber Gebote gegeben hat, dann gilt von ihnen dasselbe. Wenn Gott z.B. eheliche Treue fordert, dann war sie nicht früher geboten und ist heute überholt, sondern dann war sie zu aller Zeit geboten oder zu aller Zeit falsch. Wenn die Bibel Gottes Wort ist, dann war sie es immer oder sie war es nie. Dass dergleichen aber früher gegolten hätte und heute nicht mehr – das ist Unsinn, denn die Realität schert sich nicht darum, was die Menschheit gerade über sie denken mag. Es ist Unfug „mit der Zeit zu gehen“, weil „die Zeit“ gar nicht weiß, wo sie hin will. Gott aber weiß es durchaus! Und nur darin liegt das Gebot der Stunde, dass man nach seiner Wahrheit fragt, um heute zu begreifen, was uns morgen rettet. Es ist nie etwas anderes „zeitgemäß“, als dass man sich den Gegebenheiten stellt. Wenn bei der Prüfung der Gegebenheiten aber herauskommt, dass in dieser Welt alles so vergänglich ist wie wir selbst, dann ist es blanker Realismus, über die Welt und ihre Moden hinauszufragen nach dem Schöpfer, der ewig ist und bleibt. Um mit ihm in Kontakt zu kommen und einen ewigen Bund zu schließen, haben wir allerdings nicht ewig Zeit, sondern nur solange wir leben. Und deshalb ist richtig, was Karl Kraus gesagt hat: Dass man sich nämlich zu allen Dingen Zeit nehmen kann – außer zu den ewigen… Es leuchtet mir nicht ein, wenn einer sich aus konservativem Prinzip nur an das halten will, was gestern galt, oder sich aus modernistischem Prinzip nur an das halten will, was heute gilt. Christlich kann es nur sein, sich an das zu halten, was ewig gilt. Denn dem Ewigen Vorrang zu geben, ist die christliche Weise zeitgemäß zu sein. Wird die Kirche aber mit der Forderung konfrontiert, sie solle zeitgemäß sein, dann ist das nur in dem Sinne akzeptabel, dass wir (nicht unsere Botschaft verändern, sondern) die Form der Vermittlung zeitgemäß gestalten. Das Ewige soll hörbar werden als Antwort auf aktuelle Fragen – und dafür sind auch die modernsten Medien zu nutzen! Aber auf neue Weise reden wir doch von demselben Evangelium, das seit 2000 Jahren nicht alt oder neu ist, sondern gültig. Dieses Evangelium unterliegt keiner Zeitansage, sondern ist selbst Zeitansage: Es ist die Ansage der Gnadenzeit mitten in unserem Leben, die hier und jetzt Gelegenheit gibt, aus der Zeit heraus den Bund mit dem Ewigen zu schließen. Und dass ein Mensch das hören soll, ist nicht deshalb dringlich, weil sonst Gott verschwände, sondern weil sonst allzubald der Mensch verschwindet – und sein Versäumnis nicht mehr korrigieren kann. Es ist bestimmt nicht zeitgemäß, die eigene Lebenszeit derart schlecht zu investieren! Darum lassen Sie uns „auf der Höhe der Zeit“ sein, indem wir die Moden vergessen und unbeirrt das Ewige suchen, um dann – wie Christus selbst – nicht etwa zeitgemäß zu denken und zu leben, sondern gottgemäß…